44 Harmonies from Apartment House 1776 – Schiffbau Zürich 19.12.2018

Mit einem herrlich schrägen, todernst vorgetragenen typischen Marthaler-Monolog startet die neue Produktion des ehemaligen Zürcher Intendanten und seiner Ausstatterin Anna Viebrock. Beide muss man fast zwangsläufig immer im gleichen Atemzug nennen, denn es dominiert einmal mehr das Viebrocksche Setting und man ist froh und glücklich darüber, dass es letztendlich Christoph Marthaler zu verdanken ist, dass es diese wunderbar modulare Spielstätte Schiffbau gibt – zu sehen und hören gibt es „44 Harmonies from Apartment House 1776″…

Um was geht es aber eigentlich im neuen Stück von Christoph Marthaler und seinem Ensemble? Ueli Jäggi erklärt es in seiner herrlichen Opening Speech den Zuschauern detailliert und wunderbar umständlich, schlauer wird man davon nicht, aber das ist nebensächlich. Denn es ist ein assoziativer Abend und so kann jeder sich selbst den Inhalt ziehen, den er gerne hätte: Menschen treten als Harmonien auf. Und nehmen Kontakt auf zu den Pilzen, die die ungewöhnlichsten Spezies auf unserer Erde sind. Und die ältesten. Und über riesige Flächen unterirdisch wuchern und nur ab und zu als Ausstülpung überirdisch zu sehen sind. Und eine dieser überirdischen Ausstülpungen ist wohl diese gut 2 Stunden dauernde Collage. Nach knapp eineinhalb Stunden kommt dann die harte Marthaler-Bewährungssprobe, dann passiert fast 30 Minuten lang nichts. Oder eben doch. Und zwar ganz viel. Die Pilze spriessen. Unterirdisch. Nicht sichtbar. Aber in unserer Vorstellung. Dazu ertönt das Stück von John Cage – gespielt von 4 Cellistinnen – nach dem der Abend benannt wurde. Das lässt den Zuschauer – der nach einem arbeitsreichen Tag nun hier sitzt und etwas müde und ermattet ist – an seine Grenzen stossen. Man kann das stellenweise kaum aushalten und das nervöse Gehüstel im Saal nimmt zu, ebenso eine spürbare Erleichterung als klar ist, dass sich dieses Musikstück mit seinen notierten Auslassungen dem Ende nähert. Aber das ist auch das Schöne an diesen Marthaler-Abenden, man muss sich darauf einlassen. An manchen Tagen geht das besser, an manchen eben nicht, dann kann es quälend sein. Aber in den heutigen schnelllebigen Zeiten ist es wohltuend, wenn sich ein Regisseur noch Zeit nimmt und Raum lässt, fernab von schnellen Videosequenzen oder harten Beats. Und so geht man dann nach gut 2 Stunden etwas erschöpft, aber guter Dinge nach Hause. Und was nimmt man mit? Jeder wohl etwas anderes. Musikalisch gesehen ist der Abend herrlich, es gibt vieles zu Hören und gleichzeitig viel Weggelassenes, viel Bearbeitetes und viel Verstörendes und das ist wohl auch die Essenz dieses Stückes. Eines der Highlights für mich: Bryan Johnsons „Looking High, High, High“ welches sich langsam tonal in die Tiefe schraubt und die Szenerie in eine Slow-Motion-Situation bringt, die symbolisch für den ganzen Abend steht (mit einem wie immer wunderbar hochmusikalischem Benito Bause), gleichzeitig aber immer wieder auch temporeicher Aktionismus (zum Beispiel der ekstatische Ausdruckstanz von Marc Bodnar ziemlich zu Beginn des Stückes – köstlich!). Schön auch der trocken vorgetragene Liedtext eines Beatrice Egli – Songs („Kick im Augenblick“ – Elisa Plüss/Susanne-Marie Wrage) oder die alphabetisch geordnet vorgetragene Auflistung von wohl heimisch vorkommenden Pilzen. Ich war sehr froh, wurde am Ende dann doch noch die offene unübersehbare geöffnete Sandkasteninstallation (eine Grabungsstätte zum grössten unterirdischen Pilz der Erde, dem Hallimasch?) bespielt und fielen alle Menschen – respektive Harmonien – nach einem letzten anstrengenden sinngebenden Aktionismus, nämlich dem Aufstellen und giessen unzähliger Notenständer (damit neue Harmonien wachsen?), in einen ruhigen Schlaf. Friede und Ruhe ist eingekehrt. Geschafft! Die Marthaler-Fangemeinde jubelte im ausverkauften Schiffbau dem spielfreudigen Ensemble in seinen Viebrock-Retro-Klamotten freudig zu.

John Cages Komposition „Apartment House 1776“ entstand 1976 zum 200jährigen Jubiläum der Vereinigten Staaten Amerikas und wurde über das Land verteilt von 6 Orchestern uraufgeführt. Dabei handelt es sich um bearbeitete Versionen von Hymnen amerikanischer Komponisten die zur Zeit der amerikanischen Revolution mindestens 20 Jahre alt waren: William Billings, James Lyon, Jacob French, Andrew Law und Supply Belcher.

 

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