Endstation Sehnsucht – Schauspielhaus Zürich 29.11.2018

Bastian Krafts Inszenierung von Tennessee Williams‘ „Endstation Sehnsucht“ ist vor allem ein grosser Abend von und für Lena Schwarz als Blanche. Fernab jeglicher Realität lebt sie in ihrem eigenen Lügengebilde und schreitet langsam, aber stetig ihrem Ende und dem Abgrund entgegen…

Im reduziert nüchternen Bühnenbild von Peter Baur – ohne Möglichkeit jeglicher Verortung – findet das Leben als Drehscheibe statt. Blanche ist von Anbeginn verloren, findet keinen Halt, keine Ruhe mehr im Leben (mal dreht sich das Leben langsam, mal schneller). Einzig am Ende, wenn Sie vom Pflegepersonal der Anstalt abgeholt wird, verlässt sie die Rotation und findet wohl ihren Frieden. Bis dahin ist es ein langer Weg, der von unerfüllten Sehnsüchten, verlorenen Hoffnungen und Verstrickungen im eigenen Lügengebilde geprägt ist und keinen Platz für ein positives Ende lässt. Es ist die Geschichte eines sozialen Abstiegs mit all seinen Facetten, unklar bleibt dennoch, ob Blanche reines Opfer ist oder vieles selbst verschuldet hat (dies ist jedoch anzunehmen). Angedeutet bleibt auch nur am Rande die Vergewaltigung von Blanche durch ihren Schwager Stanley (Michael Neuenschwander als Marlon Brando – Verschnitt im weissen T-Shirt), die ihr letztendlich den Rest an Würde raubt und die ihr auch niemand glauben wird, zu sehr hat Blanche sich bereits in ihre permanenten alkoholgeschwängerten Lebenslügen verstrickt. Bastian Kraft zeigt die exzessiven Momente vergangener Zeiten nicht real, sondern als übersteigerte Projektionen auf einer Nebelwand, das ist symbolisch für das ganze Leben von Blanche. Die puritanisch-bürgerliche Südstaaten-Atmosphäre und der familiäre Hintergrund sowie die damals sehr homophobe Macho-Männer-Gesellschaft ohne Frauenrechte in der Biographie von Tennessee Williams spiegelt sich – wie in fast all seinen Stücken – auch in „Endstation Sehnsucht“ wieder. Und so ist es nicht verwunderlich, dass es fast ausschliesslich Verlierer und traurige Gestalten gibt, neben Blanche und ihrer Schwester Stella (Henrike Johanna Jörissen) sind dies auch das nähere Umfeld in Form der Nachbarn und Klaus Brömmelmeier als Mitch, der leider nicht als letzter Rettungsanker für Blanche taugt (so sehr sie sich – zusätzlich zur Whiskyflasche – auch daran klammert). Diese trostlose Stimmung wird noch zusätzlich unterstützt und eingefangen von den an der Rampe (toll!) vorgetragenen Songs nach guter alter Tom Waits – Manier von Miriam Maertens als Nachbarin Eunice.

Irgendwie ist der Abend unausgegoren. Es gibt viele grossartige Momente, viele Fragen bleiben offen, das Konzept ist stimmig, aber es bleibt unterschwellig immer etwas Unbefriedigendes zurück, aber vielleicht ist das gewollt und liegt auch an dieser zweistündigen Trostlosigkeit des Lebens auf der Bühne. Was für mich von diesem Abend bleibt, ist im Grunde genommen das starke Bild des ersten Auftritts von Blanche ganz zu Beginn: eine vereinsamte, ganz in weiss gekleidete Frau mit ihrem Koffer, verloren im Leben und hoffnungslos auf der Suche nach etwas Glück und Wärme, nach Halt suchend auf der immerfort drehenden Scheibe des Leben: eine grossartige und sehr intensive Lena Schwarz als Blanche.

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