Pelléas et Mélisande – Theater Basel 11.11.2018

Die einzige vollendete Oper Claude Debussys findet sich nicht allzu häufig in den Spielplänen, ist sie doch eine grössere Herausforderung für Regie und Publikum. Vieles in diesem Stück bleibt nur angedeutet und dunkel, man kann viele Dinge, Geschehnisse, Verflechtungen, Geschichten und Begebenheiten hinein interpretieren und tiefenpsychologisch deuten. Aufgrund des Jubiläumsjahres 2018 (Debussy starb 1918) wagen sich derzeit aber einige Häuser an eine Neuproduktion.  Sehr gelungen und absolut sehenswert: die Lesart des Stoffes der jungen Regisseurin BARBORA HORÁKOVÁ JOLY (aus dem Dunstkreis von Calixto Bieito) am Theater Basel…

In einer dunklen Welt, auf einer wohl abgeschiedenen Insel, im kleinen Königreich Allemonde geschehen düstere Dinge. Ist es eine religiöse Sekte, eine geschlossene Christliche Gemeinschaft? Die Kleidung erinnert an Mormonen, das Kreuz in der Kirche als christliches Symbol ist überdeutlich neonleuchtend präsent. Die Frauen sind dienend und untertan, in einer männerdominierten Hierarchie, angeführt von König Arkël (ANDREW MURPHY), einer eher gutmütig zurückhaltenden Grossvaterfigur in dieser Runde. Zu Beginn im Wald findet Golaud (grossartig und ergreifend: ANDREW FOSTER-WILLIAMS) die umherirrende Mélisande (ELSA BENOIT), offensichtlich verletzt und blutverschmiert im weissen Gewand. So endet auch der Abend. Ein Rückblick? Eine Vision? Was ist geschehen? Offensichtlich hat sie ein Kind geboren und es stellt sich die Frage, wer der Vater ist – Golaud (ihr Mann) oder Pelleas (ROLF ROMEI), dessen Bruder, den sie liebt. Antworten gibt es nicht, alles bleibt vage und verhangen. Und das ist auch gut so, denn das ist das spannende an dieser Oper – es gibt keine Antworten. Glückliche Liebe und Licht bleiben ausgespart in dieser düsteren Atmosphäre, hierfür hat EVA-MARIA VAN ACKER ein tolles Setting geschaffen, die multifunktional beweglichen Balken auf der Bühne bilden fliessend die erforderlichen Räume, sei es Kirche, Küche, Wohnhaus oder Wald. Die berückend schönen Videobilder von SARAH DERENDINGER zeigen die atemlos untergehenden Protagonisten in endloser Slowmotion, das verstärkt die Sprachlosigkeit in dieser geschlossenen Gesellschaft, in der es nur unglückliche Menschen zu geben scheint. Ein grossartiger Abend mit starken Bildwelten und einem sehr berührenden Ensemble, allen voran die drei Hauptfiguren ROLF ROMEI (Pelléas), ANDREW-FOSTER-WILLIAMS (Golaud) und ELSA BENOIT als Mélisandé, aber vor allem auch die betörende Darstellung der TOJA BRENNER – die erst 15 Jahre alte Entdeckung aus der Mädchenkantorei Basel –  als weiblich besetzes Kind Golauds aus erster Ehe: Yniold, eindringlich verkörpert und mit glockenklarem Sopran. Die musikalische Leitung dieser Produktion hatte ERIK NIELSEN, der zusammen mit dem Orchester den Abend spannend und nuanciert gestaltete – beim ersten Hineinhören in dieses Stück muss man ja ganz ehrlich sagen, dass es etwas vor sich hinplätschert. Umso mehr dann die freudige Überraschung, dass der Abend doch eine sehr starke Sogkraft, auch musikalisch, entwickeln konnte. Toll!

 

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