Kazuo Ishiguro – Was vom Tage übrig blieb

Bei jeder Zeile dieses Buches hofft und wünscht man sich, dass Stevens, die Hauptfigur dieses Romans von 1989, doch über seinen Schatten springen möge und nun endlich zu Leben beginnt. Denn mit jeder Faser seines Herzens ist er dienstbeflissener Butler und seiner Herrschaft zugetan. Er stellt seine Bedürfnisse zurück und übersieht so – Zeit seines Lebens – dass es auch für ihn privates Glück geben könnte. Als sein Vater stirbt, ist ein Wunsch der Herrschaft wichtiger (denn weltpolitische Dinge spielen sich im Salon ab…) und so trifft er erst in seines Vaters Zimmer ein, als dieser bereits tot ist. Er erkennt nicht, dass die Haushälterin Mrs. Stenton sich eine Zukunft mit ihm hätte vorstellen können. Er ist so blind in seinem Diensteifer, dass er nicht erkennt, welche politischen Tendenzen in Darlington Hall diskutiert (und unterstützt) werden – Ribbentrop ist zu Besuch, jüdische Dienstmädchen müssen entlassen werden. Stevens ist blind vor Ergebenheit. Das schmerzt den Leser und tut einem leid, für so viel verpasstes Lebensglück. Nach einem kurzen Prolog in Darlington Hall schildert der Roman die kurze mehrtägige Reise des Butlers Stevens im Sommer 1956 durch die britischen Lande, um die ehemalige Wirtschafterin zu besuchen und zu einer Rückkehr auf das Anwesen (dessen grosse Zeiten vorbei sind und nun einem Amerikaner gehören) zu bewegen. In Form von Tagebuchaufzeichnungen und Rückblenden erfährt man immer mehr über die Hauptfigur und deren einzigen Lebensinhalt – zu dienen und nach Möglichkeit einer der besten Butler Englands zu sein. Zum Schluss bleibt nur noch die bittere Erkenntnis, dass er wohl vieles verpasst hat und der Vorsatz, noch etwas von der Zeit zu nutzen, die vom Tage übrig blieb. Traurig. Bewegend.

„Die Sache ist natürlich die“, sagte ich nach einer Weile, „Dass ich Lord Darlington mein Bestes gegeben habe. Ich gab ihm das Beste, das ich zu geben hatte, und jetzt – nun, jetzt sehe ich, dass nicht mehr viel übrig ist, was ich noch geben kann.“

Kazuo Ishiguros Roman „Was vom Tage übrig blieb“ (The Remains of the Day, 1989) ist auf Deutsch erschienen im Heyne Verlag und wurde 1993 von James Ivory mit Sir Anthony Hopkins und Emma Thompson verfilmt.

Kazuo Ishiguro erhielt 2017 den Nobelpreis für Literatur.

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