Amerika – Oper Zürich 09.03.2024

Es ist Kafka-Jubiläumsjahr und so bemüht man sich überall um eine entsprechende Würdigung. Das Zürcher Opernhaus zeigt eine Oper von Roman Haubenstock-Ramati nach dem Roman-Fragment „Amerika“ in der Regie von SEBASTIAN BAUMGARTEN…

Der Text – im Original „Der Verschollene“ und von Max Brod unter dem Namen „Amerika“ veröffentlicht – ist, wie sollte es auch anders sein, sehr „kafkaesk“ und eine albtraumhafte Aneinanderreihung unverbundener Schauplätze. Karl Roßmann, die Hauptfigur macht sich auf den Weg nach Amerika, ins „gelobte Land“ und so gibt es die unterschiedlichsten Handlungsorte – ein Schiff, ein Hotel, das „Naturtheater von Oklahoma“, das Haus des Onkels am Land. Die Musik von Roman Haubenstock-Ramati (1919 – 1994), einem polnisch-israelischen Musiker, Musiklehrer und Komponisten schafft dazu ein interessantes Klanggebilde, was im Grunde genommen klingt, wie viele Werke im modernen Musiktheater klingen, das ist keine Musik, die man sich zu Hause anhört, das braucht eine spannende visuelle Umsetzung, hervorragende Protagonisten und einen musikalischen Leiter, der es schafft, sich in derartig schwierigen Partituren zurechtzufinden und diese mit dem Orchester und den Sänger:innen zu erarbeiten. SEBASTIAN BAUMGARTEN ist für die Regie die absolut richtige Entscheidung, er findet zu dieser Musik genau die richtigen Bilder und hat gemeinsam mit seinem Team einen visuell äusserst starken Abend geschaffen. Als Oper mag man das Ganze fast nicht bezeichnen, es erinnert vielmehr an eine Klanginstallation, an ein Klanggebilde, das vom Komponisten sehr graphisch notiert wurde und nun wohl in mühevoller Arbeit vom Dirigenten der Produktion GABRIEL FELTZ interpretiert und umgesetzt wird. Die Produktion ist spannend und trotz pausenlosen knapp 2 Stunden Spielzeit unterhaltsam und packend, irgendwann kommt der Moment, da hat diese Produktion es geschafft, mich als Zuschauer hineinzuziehen, seine Sogwirkung entfaltet, so dass man nur noch gebannt dem Geschehen folgt, auch wenn dieses oftmals mehr Rätsel aufgibt, als erhellt – aber so ist das eben bei Kafka und genau das macht auch heute immer noch die Faszination seiner Texte aus. Man kann Max Brod sehr dankbar sein, hat er Kafkas Wunsch ignoriert und diese grossartige Literatur der Nachwelt erhalten und nicht – wie gewünscht – vernichtet. Die Ausstattung (CHRISTINA SCHMITT) und vor allem Lichtgestaltung (ELFRIED ROLLER) und Videos (ROBI VOIGT) sind phänomenal und werden diesem Stück absolut gerecht, in Kombination mit der wohl schwierigen Klangregie (OLEG SURGUTSCHOW, Sounddesign: RAPHAEL PACIOREK) eine grosse ästhetische Gesamtleistung. Es gibt keine Minute Stillstand, selbst wenn nichts passiert und man über längere Zeiträume (wie etwa bei den „Vermutungen über ein dunkles Haus“) nur gebannt der Musik, den Soundcollagen, Einspielungen und den grossartigen Projektionen folgt. Dann gibt es Wimmelbilder, grossangelegte Tableaux vivants in Slow-Motion und viel Bewegung mit der energetischen Urban-Street-Dance-Truppe (Choreographien: TAKAO BABA, Tänzer:innen: POURIA ABBASI, YVONNE BARTHEL, NATHALIE BURY, KEMAL DEMPSTER, THEO DIEDENHOFEN, STEVEN FORSTER, EVELYN ANGELA GUGOLZ, MICHAEL KVET, SOLOMON QUAYNOO, ELISA PINOS SERRANO, ANNA VIRKKUNEN, ORIANA ZEOLI) sowie natürlich ein hervorragendes Ensemble mit Gesangssolisten, die dieser Partitur gerecht werden: PAUL CURIEVICI (Karl Roßmann), ROBERT POMAKOV (Heizer, Pullunder, Robinson, Erster Landstreicher), MOJCA ERDMANN (Klara, Therese), GEORG FESTL (Oberkellner, Delamarche, Zweiter Landstreicher, Personalchef), RUBEN DROLE (Onkel Jakob, Oberportier, Direktor), IRÈNE FRIEDLI (Oberköchin), BENJAMIN MATHIS (Sprecher 1, Student, erster Schreiber, Gerichtsagent), SEBASTIAN ZUBER (Wahlkandidat, Sprecher 2, zweiter Schreiber) und die grossartige ALLISON COOK als Brunelda mit einer wahnwitzigen Mischung aus unglaublichen Koloraturen, Textfragmenten, Deklamationen von Lauten und Fantasiewörtern, auch hier: einfach Kafka! Alle schlüpfen in die unterschiedlichsten Rollen, sind wandelbar und bewältigen scheinbar mühelos diese musikalischen Kraftanstrengungen, diese ganz eigene Mischung aus rhythmischen Wortschwällen, häufig wie wahllos platziert erscheinenden Tönen, Geräuschen und Sprechgesang. Es braucht zunächst etwas Zeit sich darauf einzulassen, aber dann taucht man ein in diese ganz eigene kafkaeske Welt, die Feltz und Baumgarten zum Leuchten bringen. Baumgarten schafft es neben einer bildstarken Umsetzung des Textes, auch heutige Themen zu zeigen, es geht um Isolation, um Migration, Zuwanderung, Ausgrenzung, hierfür schafft er starke Bilder und irritierende Momente, etwa beim finalen skurrilen Krippenspiel im „Grossen Naturtheater von Oklahoma“. „Amerika“ ist sicherlich kein Werk, was sich jemals im Spielplan etablieren wird, seit der Berliner Uraufführung 1966 wurde es nur zweimal wiederaufgeführt. Aber es ist absolut spannendes und modernes Musiktheater – grossartig, wenn ein Haus sich darauf einlässt und seinem Publikum die Möglichkeit gibt, ein derart komplexes Werk zu erleben. Das Publikum der besuchten Vorstellung zeigte sich sehr angetan und begeistert – wer die Möglichkeit hat „Amerika“ zu sehen, sollte das unbedingt tun!

Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:

503: Ernani – Theater St. Gallen 03.03.2024

502: Die lustige Witwe – Oper Zürich Premiere 11.02.2024

501: Cosi fan tutte – Oper Zürich 28.01.2024

500: Orphée aux Enfer – Opéra de Lausanne 31.12.2023

Platée – Oper Zürich 26.12.2023

Lili Elbe – Theater St. Gallen 04.12.2023

Götterdämmerung – Oper Zürich 09.11.2023

La Regenta – Matadero Madrid 25.10.2023

La Rondine – Oper Zürich 01.10.2023

Turandot – Oper Zürich Premiere 18.06.2023

Lessons in Love and Violence – Oper Zürich 11.06.2023

Intolleranza 1960 – Theater Basel 30.05.2023

die Möglichkeit gibt, ein derart komplexes Werk zu sehen. Das Publikum der besuchten Vorstellung zeigt sich sehr angetan und begeistert, wer die Möglichkeit hat dies zu sehen, sollte das unbedingt tun!