Bruce Nauman „Disappearing Acts“ – Schaulager Basel

Endlich ergab sich ein Besuch im Schaulager Basel, da ich unbedingt noch die Bruce Nauman Retrospektive sehen wollte. Bereits an der Aussenfassade des Schaulagers zeigen zwei riesige LED-Bildschirme Naumans Arbeit „Mr. Rogers“ – eine Ankündigung, was den Besucher erwartet: Lösungsansätze, Lösungsversuche von selbstauferlegten konzeptuellen Fragestellungen…

Noch vor dem Kassentresen in der Eingangshalle hat man somit bereits 2 Installationen Naumans „durchschritten“, nach den grossen LED-Bildschirmen an der Fassade begleitet einen beim Eingang die Soundinstallation „For Beginners (Instructed Piano)“ von 2010 – inspiriert von Béla Bartóks „Mikrokosmos“ und gleich vorneweg: sowohl der Besuch des Schaulagers (tolles Gebäude!) als auch der Nauman-Retrospektive haben sich absolut gelohnt!

Indem Naumans Kunst die Art und Weise, wie Konventionen festgeschrieben werden, infrage stellt, zerstört sie jegliche Gewissheit und fordert uns auf, unsere eigenen Bedeutungen selbst zu erarbeiten, statt den gewohnten Regeln zu folgen. Genau an diesem Punkt, so lehrt uns sein Werk, beginnt die Freiheit.

(Kathy Halbreich, Kuratorin)

Das Werk von Bruce Nauman lässt sich nicht typisieren, so war es wohl für die Kuratoren auch schwierig die Werkschau in verschiedene Themen/Säle einzuteilen, letztendlich ist dies aber ganz gut gelungen und so sieht man mehrere Aspekte und Leitmotive von Naumans langjährigem und äusserst vielseitigem Schaffen:

DAS STUDIO – Gleich zu Beginn des Rundganges sind Naumans erste Arbeiten zu sehen, die in den 60er Jahren, noch während seines Studiums, entstanden sind, hier sieht man Nauman mit verschiedenen – damals „kunstfremden“ Materialien – experimentieren. All diese Arbeiten führen letztendlich zur Auseinandersetzung des jungen Künstlers mit der Schlüsselfrage: „Was oder wer ist ein wahrer Künstler?“

DER KÖRPERIn zahlreichen Arbeiten dient Nauman der eigene Körper als Vorlage und Modell.* Neben Plastiken und Abgüssen, sind hier auch die Neonarbeiten von Körpern zu sehen sowie einige Arbeiten, die das Werk anderer Künstler zitieren (u.a. Henry Moore oder Ludwig Wittgenstein).

MODELLENaumans „Modelle“ sind Abstraktionen: Anhand eines plastischen Objekts beschwören sie Situationen herauf, die die Vorstellungskraft herausfordern, ja strapazieren können. Die Simulation gigantischer Schächte, unterirdischer Tunnels oder metaphysischer Räume schliessen die Idee von Entzug, Versteck, aber auch von Zuflucht und Schutz mit ein.* Besonders beeindruckend „Model for room with my soul left out, room that does not care“ von 1984. Dieses Modell wurde auch 1988 als architektonische Version aus Beton im Aussenraum ausgeführt. Etwas irritierend und fast schon beängstigend „Get out of my mind, get out of my room“, ein nur mit einer Glühbirne erhellter Raum, in dem aus unbestimmten Richtungen Stimmen in unterschiedlichen Tonlagen, Artikulation, Modulation und Rhythmik zu vernehmen sind, teilweise geknurrt, gekreischt, geschrien oder auch nur geflüstert.

SPRACHE – zu sehen sind hier unter anderem die grosse Neon-Arbeit „One Hundred Live and Die“ von 1984, bei der in rhythmischer und kontinuierlicher Abfolge 100 horizontal ausgerichtete wörtliche Ansagen aufleuchten und wieder erlöschen. Mein Highlight hier ist definitiv die Videoarbeit „Good Boy Bad Boy“ (1985), die gerade im Kontext mit der heutigen Zeit so aktuell und präsent ist wie nie. Bei dieser Videoarbeit deklinieren ein junger schwarzer Mann und eine ältere weisse Frau 100 Phrasen (wie zum Beispiel „I don’t want to die, you don’t want to die…) und spielen damit von anfangs kühlen distanzierten Aussagen bis hin zu zunehmender emotionaler Färbung und schlussendlich Wut und Aggression viele Gefühlszustände.

TON UND KLANG„Töne und Klänge haben etwas Unmittelbares, Aufdringliches an sich, dem man nicht aus dem Weg gehen kann“. Gezielt setzt Nauman Geräusche und Klänge als integrales Element seiner Werke und Installationen ein. In Kalifornien war er mit Künstlerkollegen in einer Band engagiert und war offen für zeitgenössische Strömungen in der Musik. Naumans Einsatz und zeitliche Organisation von Geräuschen belegen sein Interesse auch an Komponisten wie John Cage, La Monte Young oder Steve Reich.*

Zum Ende des Rundganges durch die Retrospektive dann noch eine der letzten grossen Arbeiten von Nauman von 2015/2016 – eine monumentale HD-Videoinstallation, in der er selbst auftritt. Stand- und Spielbein verleihen der statischen Repräsentation des Körpers in der angedeuteten Gewichtsverlagerung einen dynamischen, lebendigen Eindruck*. Das ist spannend, denn gleichzeitig zitiert er eine seiner frühestens Videoperformances „Walk with Contrapposto“ von 1968 (auch zu sehen), nun aber mit den neuesten technischen Möglichkeiten.

Dankenswerterweise ermöglichte die Eintrittskarte für das Schaulager auch gleichzeitig noch den Eintritt ins Kunstmuseum Basel, denn auch hier sind noch 2 Werke zu sehen: „Days“ (2009) und „Untitled“ (1970/für die 10. Tokyo Biennale entstanden). So hatte man noch die Möglichkeit, endlich den nicht uninteressanten Neubau zu besichtigen und noch kurz einen Blick in die Ausstellungen „Theaster Gates. Black Madonna“ und „Maria Lassnig“ zu werfen.

Die Retrospektive „Disappearing Acts“ ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Schaulager Basel und dem New Yorker Museum of Modern Art.

Bruce Nauman wurde 1941 in Fort Wayne, Indiana, geboren, wuchs in der Nähe von Milwaukee, Wisconsin, auf und lebt seit Ende der 1970er-Jahre in New Mexico. Er studierte Mathematik, Musik und Physik an der University of Wisconsin-Madison, bevor er zur bildenden Kunst wechselte. 1966 schloss er sein Studium an der University of California, Davis, unter anderem bei William Wiley, mit einem Master of Fine Arts in Skulptur ab. 

* dem Ausstellungsheft entnommene Beschreibungen

 

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