Hello, Mister MacGuffin! – Schiffbau 26.04.2018

Ein Pollesch ist ein Pollesch ist ein Pollesch ist ein Pollesch… – was soll man sonst dazu sagen? Man will Pollesch und man bekommt ihn, in einer hohen Dosis und zwar immer mehr davon als man erwartet. Herrlich ist das. Auch beim neuem Pollesch-Stück im Zürcher Schiffbau: „Hello, Mister MacGuffin!….

Das ist das Schöne an den Stücken von René Pollesch, also zumindest mir geht es immer so: es macht mich einfach glücklich. Ich bekomme gute Laune. Und dabei ist das Thema nebensächlich, es sind textlastige Abende, sie schwanken zwischen temporeichem Spiel und Poesie, bei der neuen Produktion ist es eine (vermeintliche) Aneinanderreihung von Film-Zitaten, Hitchcock-lastig… – es gibt unzählige Original-Tonspuren, Filmmusiken, Textphrasen, herrlich nachgespielte Szenen (u.a. die köstlich choreografierte Duschszenen-Seifentänzelei aus „Psycho“), Fensterstürze, Spanner im Rollstuhl, Slapstick und die unumstössliche Tatsache, dass Regisseure ihre Darsteller „ein- und ausschnippsen“. Mein persönlicher Favorit: Die Hypnose-Zitate aus „Little Britain“ – köstlich! Anna Viebrock hat hierfür einen Raum gebaut, der (bei entsprechendem Licht und Personenstaffage) ein klein wenig an Edward Hopper erinnert und der jedem Zuschauer seinen persönlichen Auftritt beim Betreten des Raumes ermöglicht. Dazu läuft – wie immer bei Pollesch – eine herrlich schwülstige Musikauswahl. Neben dem Fokus auf Hitchcocks Tool „MacGuffin“, der eine so grosse Wichtigkeit erhält, dass er im Schiffbau namensgebend ist, ist dies im Grunde ein Abend für Film- und Theaterleute und eine Hommage an deren Arbeitsalltag…

MacGuffin

selten: Macguffin; manchmal auch: weenie

Ein sehr bekannter Vorschlag, dramaturgische Aspekte von Objekten oder Objektverwendungen terminologisch auszudrücken, ist Hitchcocks MacGuffin. „Das ist eine Finte, ein Trick, ein Dreh, wir nennen das gimmick“, sagt Hitchcock selbst dazu. Hitchcock führt den Begriff McGuffin auf Rudyard Kipling zurück: dort war er eine Bezeichnung für den Diebstahl von Papieren, Dokumenten oder Geheimnissen. Der MacGuffin ist für die Figuren der Handlung von höchster Bedeutung, spielt aber für den Erzähler keine Rolle. Ein MacGuffin ist ein leer gesetztes Handlungsziel, meist ein Objekt, manchmal eine Geheimbotschaft. Ganz leer ist der MacGuffin aber nicht: Er muss die funktionalen Bestimmungen erfüllen, die im Kontext auf ihm liegen. Er muss z.B. rar sein, gefährlich, teuer oder in anderem Sinne wertvoll. Er vermag die Motivation des Helden zu begründen und gibt ihm schließlich ein explizites Ziel. Vergleichbar dem mittelalterlichen Gral lässt der MacGuffin den Helden ausziehen in die Fremde, die angestammte Heimat verlassen, den Kampf mit Drachen aufnehmen oder auch sich verlieben. Es ist die Leere des MacGuffin, die die Bewegung, die in das Leben des Helden kommt, ironischerweise umso mehr unterstreicht. Sie ist ein ironischer Verweis auf die eigene Handlungsdynamik der Genres und der Erzählung selbst, ein reflexiver Jux.

(Lexikon der Filmbegriffe, Hans Jürgen Wulff)

Sofern man am Theater oder beim Film arbeitet (ist aber keinesfalls Voraussetzung), kann man über jeden Satz des Abends schmunzeln, denn es sind häufig Zitate des Probenalltags, der Stückentwicklung und über so manch abgedroschene Phrase aus dem Munde der Akteure musste ich herzhaft lachen. Natürlich – und das war auch zu erwarten – tauchte ,zumindest in Fragmenten, die Misere um die Berliner Kulturpolitik und Chris Dercon auf, geht aber auch sofort wieder unter, wie vielerlei andere aufblitzende Themen. Die übliche wunderbare Pollesch-Besetzung am Schauspielhaus Zürich sorgt dafür, dass alles wohlplatziert und temporeich geplappert wird: Marie Rosa Tietjen, Hilke Altefrohne, Inga Busch, Jirka Zett und die einmal mehr unglaublich präsente Sophie Rois. Sie ist der Star des Abends und jede Bewegung, jeder Satz sitzt, schneidend, scharf, bissig, böse, genervt, hysterisch – eine herrliche Bandbreite! Wundervoll! Von all den bisher in Zürich gezeigten Pollesch-Stücken ist dies das vielleicht komödiantischste und amüsanteste in seiner Ausprägung, eine genaue stilistische Beschreibung zu den Arbeiten von Pollesch gibt (und braucht) es ohnehin nicht. Im Grunde genommen sind es Momentaufnahmen mit Text, ohne Anfang – ohne Ende, aber mit grosser Lust am Zitat und am Spiel. Ein eigenes Genre. I love it. Auch nach „Hello, Mister MacGuffin!“ habe ich wieder einmal polleschesk-gutgelaunt und froh das Theater verlassen.

„Hello, Mister MacGuffin!“ von René Pollesch (*1962).

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