Seit „Das Ende von Eddy“ habe ich jede Veröffentlichung von Édouard Louis gelesen und mich gefragt, wie lange die Aufarbeitung seiner Geschichte, seiner Herkunft, seiner Familie wohl dauern mag und wie lange das noch trägt und jetzt bei der Lektüre des neuen Romans „Der Absturz“ über das Leben und den Tod seines älteren Bruders, der mit 37 Jahren an seiner Alkoholkrankheit starb, muss ich ehrlich sagen, dass es für mich das wohl aufwühlendste und bewegendste Buch von ihm ist…
Es ist gerade dieser schonungslos offene Text, der so erschüttert. Es ist die Tatsache, dass Louis sich selbst nicht ganz sicher ist, ob er für den Bruder tatsächlich nichts empfindet und dies auch immer wieder für sich subtil hinterfragt, zumindest thematisiert. Denn zwischen den Zeilen findet man eben doch sehr viele Emotionen, ebenso beim sehr zerrissenen Leben des Bruders, immer schwankend zwischen grosser Liebe und Bewunderung für den kleinen Bruder und einer offenen Ablehnung, ja einer Abscheu, einem Hass schwulen Männern gegenüber.
»Dieses Buch ist der Abschluss eines Familienfreskos, das vor zehn Jahren mit ›Das Ende von Eddy‹ begonnen hat.« ÉDOUARD LOUIS – Die Geschichte von Louis’ Bruder ist die eines ständig scheiternden Träumers: In der Arbeitswelt ohne Aussicht, wünscht er sich ein größeres Leben. Eines, in dem er Kathedralen restauriert, die Welt bereist und die Liebe seines Vaters verdient. Doch nichts davon lässt seine Wirklichkeit zu, er versinkt in Alkohol- und Spielsucht und bleibt ein tragischer Phantast. Dieses Buch ist ein schonungsloses und doch zartes Porträt des Bruders, der in berührenden Szenen immer wieder versucht, dem jüngeren Édouard einen anderen Weg ins Leben zu weisen als den eigenen. (Aufbau Verlag)
Zwar schreibt Louis, dass dies der Abschluss des Familienfreskos ist, jedoch glaube ich, dass all diese Geschichten noch lange nicht auserzählt sind und es weitergehen wird, allerdings wäre es auch spannend, von ihm etwas nicht autofiktionales, soziokulturelles zu lesen und ich frage mich, ob er das kann und was es wohl sein könnte, wenn er einen Stoff plottet, die nicht aus seiner Vergangenheit resultiert, wobei natürlich jeder Autor – selbst wenn er anderes behauptet – immer etwas von sich in den Text legt. „Der Absturz“ jedenfalls hat mich sehr bewegt, ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, bis ich tatsächlich an der letzten Seite angelangt war. Grosse Leseempfehlung!!
„Der Absturz“ von Édouard Louis, 2025, Aufbau Verlag, ISBN: 978-3-351-03957-8 (Werbung)
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