Die tote Stadt – Oper Zürich 29.05.2025

Fast ist man etwas erschlagen vom prächtigen Klangrausch aus dem Graben, auf der Bühne dazu ein kaltes, graues Brügge und ein fulminantes Debüt von ERIC CUTLER als Paul in Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die tote Stadt“ von 1920…

Diese immense Dynamik der PHILHARMONIA ZÜRICH unter LORENZO VIOTTIs grossartigem Dirigat bläst einen weg und zwar durchgehend, knapp 3 Stunden lang, allerdings bleibt es dennoch sängerfreundlich, denn an heiklen Stellen fährt Viotti alles zurück und schafft so sicheren und wohltönenden Gesang, hier muss von niemandem forciert werden. Und dann gibt es natürlich die vielen wunderbaren lyrischen Momente, die Viotti ebenfalls auskostet und zelebriert. Eric Cutlers Debüt mit dieser sehr schwierigen und abendfüllenden, fordernden Partie des Paul ist grossartig und bewundernswert – sängerisch, aber auch darstellerisch. Bravo, Bravo, Bravo! Korngolds Musik bietet so viele Momente, die bewegen und fast schon zu Ohrwürmern werden, die man auch am anschliessenden Nachhauseweg nicht los wird. Schade eigentlich, wird das Werk so selten gespielt, auch bei mir ist es sehr viele Jahre her, dass ich dieses Werk mit seiner ganz eigenen und speziellen Geschichte zuletzt auf einer Bühne gesehen habe (2011 am Stadttheater Bern, ML: Srboljub Dinić/R: Gabriele Rech). Bei DMITRI TCHERNIAKOVs Umsetzung erwacht Paul aus keinem Traum, alles ist real, die Frau bleibt tot und es ist naheliegend, dass Paul wohl nicht nur Marietta, sondern auch seine verstorbene Ehefrau ermordet bzw. diese aus dem Fenster gestossen hat. Der Abend beginnt mit einem vorangestellt gesprochenen Text Dostojewskis, in der ein Femizid sich dadurch rechtfertigt, dass die Frau sich nicht dem Manne unterordnen wollte, bevor dann Korngolds Musik einsetzt und wir lesen die projizierten Schlagzeilen von Maries Tod und der fast schon albtraumhafte 1. Akt nimm seinen Lauf. Und natürlich stellen wir uns sofort die Frage, was für ein Mann dieser Paul wohl ist, der dann 3 Akte lang unterschiedliche „Marietta“-Frauentypen in seine leere Wohnung einlädt, um sie mit Reliquien seiner toten Frau auszustatten. Gesund ist das jedenfalls nicht und so erfahren wir in diesem dreistündigen Schnellkurs in Tiefenpsychologie so Einiges, von religiösem Wahn bis hin zur Obsession und Fixierung auf eine verstorbene Person, da hilft auch kein bester Freund, auch nicht die Haushälterin. Paul wird keinen Frieden finden und wir sehen auch Anzeichen von aggressivem Verhalten. Das grosse Gedankenkreisen in seinem Kopf nimmt kein Ende und bleibt uns als eindringlich starkes Bild, bevor sich der Vorhang nach dem 3. Akt schliesst, wir sehen nicht den Frieden und die Ruhe, den uns die letzten Takte der Musik vermitteln, er wird wohl Brügge nicht verlassen, dem Freund nicht folgen, er wird so weitermachen wie bisher, verzweifelt und suchend. Der Abend ist stark und erschöpft auch die Zuschauer, die Besetzung ist famos – neben dem herausragenden Eric Cutler ist in mehreren Marietta-Versionen VIDA MIKNEVIČIŪTÉ zu sehen und sie ist in jeder einzelnen Figur absolut glaubhaft und authentisch!. Für diese Rolle ist sie optimal besetzt, an ihr starkes Vibrato muss man sich allerdings gewöhnen. Einmal mehr omnipräsent und mit strahlkräftiger Stimme: die wunderbare EVELYN HERLITZIUS als Brigitta, die mich hier in Zürich zuletzt als Madame de Croissy (Dialogues des Carmélites) und natürlich als Emilia Marty (Die Sache Makropulos) und Elektra sehr begeistert hat. BJÖRN BÜRGERs wunderschöner Bariton begeistert natürlich mit der wohl bekanntesten Arie dieser Oper „Mein Sehnen, mein Wähnen“ auf Rollerblades. Die Tänzer:Innen-Freunde von Marietta bilden gemeinsam ein wunderbares Ensemble, deren Szene im 2. Akt frisch und lebendig wirkt und einen lebensbejahenden positiven Gegenpol zur sonst eher depressiven Stimmung Pauls bildet (REBECA OLVERA als Juliette, DARIA PROSZEK als Lucienne, RAÚL GUTIÉRREZ als Gaston, NATHAN HALLER als Victorin, ÁLVARO DIANA SANCHEZ als Graf Albert). Den Zusatzchor, die SoprAlti und den Kinderchor der Oper Zürich hört man nur aus dem Off, die szenisch dazu gehörende Prozession zeigt uns Tcherniakov nur als religiösen Wahn Pauls im Bischofsornat. Wenn man will, kann man in der schwebend wirkenden Häuserzeile der Stadt Brügge, natürlich das Bewusstsein sehen, das über dem Unterbewussten schwebt, Tcherniakov – von dem auch das Bühnenbild stammt – hat sich darauf fokussiert das Innenleben der Protagonisten zu zeigen, eine morbide, von Melancholie durchsetzte Stimmung Brügges, wie sie zum Fin-de-Siècle ebendort geherrscht haben könnte, interessiert ihn nicht. Korngolds „Die tote Stadt“ ist ein wirklich intensives Werk, das mit seiner musikalischen, manchmal fast erschöpfenden Wucht immer noch bei mir nachhallt. Tcherniakov hat – zumindest für meinen Geschmack – dazu starke Bilder geschaffen.

Verdienter Jubel für das grossartige Ensemble und Viotti am Ende der Vorstellung! Bravi!

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