Sweatshop * Deadly Fashion – Schauspielhaus Zürich 19.05.2018

Hippe Modeblogger treffen auf die unmenschlichen Produktionbedingungen in Phnom Penh und realisieren erstmals, dass ihre Klamotten nicht einfach nur von der Stange im Laden kommen – Sebastian Nübling hat mit Texten von Güzin Kar, Lucien Haug und dem Ensemble eine beeindruckende Adaption der erfolgreichen norwegischen Webserie „Sweatshop – Deadly Fashion“ auf die Pfauenbühne gebracht…

Der Abend hallt noch lange nach, denn jeder Zuschauer erkennt sich selbst in einem der Darsteller, egal ob man ein blutjunger Instagram-Fashionista oder bereits in der Realität angekommen ist. Es geht um Jugendsprache, Follower und Likes, die abstrusen Botschaften der ichbezogenen „Influencer“, harte Beats am Laufsteg, coole Raps und wohl auch die Frage – bin ich mit meiner Mode und meinem Style individuell genug und hebe mich somit von der Masse ab oder wer kopiert hier eigentlich wen? Die junge Modewelt gibt sich der Lächerlichkeit preis, man ist erschüttert über die immerfort als Einwurf präsentierten Zahlen und Fakten über die menschenunwürdigen Produktionsbedingungen und gleichzeitig beeindruckt vom Tempo und den Fragestellungen der heutigen Fashionjugend mit dem das Stück auf dem Catwalk beginnt. Drei hippe Jugendliche werden mit den unterschiedlichsten Situationen konfrontiert, nachdem ein Fahrstuhl (des Grauens..?) sie in ein Paralleluniversum befördert hat, das ihnen die Schattenseiten der Modewelt aufzeigt. Dafür hat Dominic Huber ein grossartiges Bühnenbild gebaut, dass sich dem Zuschauer in seiner ganzen Komplexität erst am Ende des Stückes erschliesst. Dem Regisseur Sebastian Nübling gelingt es, dieses Thema anzugehen ohne auch nur ein einziges mal mit erhobenem Zeigefinger den Zuschauer als Schuldigen zu entlarven oder gar zu verurteilen – das wäre auch zu einfach. Und dennoch fühlt man sich permanent schuldig, weiss man doch über diese Zustände. Aber ist man bereit etwas zu ändern? Nein. Eher nicht. Denn es ist ein Dilemma. Ohne unseren Konsum dieser billig produzierten Mode ginge es den Näherinnen in Kambodscha noch schlechter. Das Stück versucht mit harten Fakten, die von einem jungen weiblichen Geisterwesen (der Exorzist lässt grüssen)  als regelmässige Einschübe präsentiert werden, an das Gewissen der coolen Blogger-Community zu appellieren. Die begeisterungsfähige Jugend ist davon genauso hingerissen, wie von der oberflächlichen Modewelt und am Ende ebenso euphorisch betroffen, wie zu Beginn auf dem Catwalk. Man macht da keine grossen inhaltlichen Unterschiede – Hauptsache die Endorphine strömen. Güzin Kars Texte bringen es immer auf den Punkt, sind böse, bissig, topaktuell und sie versteht es den zeitgenössischen Slang und die Jugendsprache unaufgeregt, aber deutlich zu platzieren – das ist alles super recherchiert und erarbeitet. Dass Güzin Kar das kann, hat sie erst vor kurzem wieder einmal mit der Serie „Seitentriebe“ beim SRF bewiesen.

Die Darsteller des Jungen Theaters Basel sind einfach grossartig, allen voran die drei Modeblogger_Innen Lee-Ann Aerni, Ann Mayer und der omni-präsente hibbelig-hysterische Lukas Stäuble – was für eine tolle Ausstrahlung und wache Energie auf der Pfauenbühne. Und so erschütternd und realitätsnah das Stück teilweise ist, hat es auch herrlich komisch-köstliche Momente u.a. mit dem wunderbaren Markus Scheumann in vielen kleinen Rollen, z.B. seinem herrlichen Monolog über eine Therapiesitzung als Mode-Kaufrausch-Süchtiger oder als verstörend androgyner Liftboy/Liftgirl-Transmensch. Nachdem die Modeblogger_Innen im Paralleluniversum verschwunden sind, verfolgt man das Stück und sein Geschehen quasi als Projektion, als Live-Streaming – eine tolle und naheliegende Idee. Am Ende des Stückes, wenn sich die Wände dieser virtuellen Welt auflösen, man dahinter blickt und wieder in der Realität angekommen ist, erzählt eine der Darstellerinnen ihre Geschichte: sie wurde als Baby in Vietnam adoptiert. Sie hatte Glück. Vor ein paar Jahren hat sie ihre leibliche Schwester dort getroffen und konnte deren Leben – sie arbeitet in einer Textilfabrik – kennenlernen: für harte Arbeit an der Nähmaschine auf sehr beengtem Raum erhält sie im Monat den Mindestlohn von 120 CHF. Bei einem T-Shirt, welches bei uns ca. 30 CHF kostet, gehen nur 18 Rappen an die Näherin. Mit dieser bitteren Erkenntnis bleibt man zurück, hat aber nach dem Applaus noch die Möglichkeit auf die Bühne zu gehen, um mit den Darstellern darüber zu sprechen und sich über Nachhaltigkeit und „Fair-Fashion“ zu informieren. Mir persönlich war das etwas zu sehr inszeniertes finales „Gutmenschentum“, vor allem weil diejenigen, die sofort auf die Bühne gesprintet sind, der jungen und angeprangerten hippen Käuferschaft angehören – tja, so ist das hier in Zürich. Dennoch, wohl eines der besten Stücke am Schauspielhaus in dieser Spielzeit. Jeder Kleidung tragende Mensch sollte es gesehen haben.

 

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