Der Doppelgänger – Luzerner Theater 12.09.2024

Mein ganz persönlicher Auftakt zur Saison 2024/2025: Die im April bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführte Oper „Der Doppelgänger“ von LUCIA RONCHETTI mit dem Libretto der ukrainisch-deutschen Schriftstellerin KATJA PETROWSKAJA nach Fjodor M. Dostojewskis Erzählung am Luzerner Theater…

„Kein guter Mensch ist doppelt“ hört man mehrmals im Text und somit ist eines klar – diese Situation mit dem auftauchenden Doppelgänger ist eher ungut für Jakow Petrowitsch Goljadkin. Eine gewisse Beklemmung ist bereits beim Einlass spürbar, der setzkastenartige Bühnenaufbau lässt wenig Raum für Individuen, der Protagonist liegt bereits in seiner ihm zugeteilten Wabe. Man befindet sich in einem totalitären System, in dem jeder seinen Platz zugewiesen bekommt, Wände werden verschoben, mehr Platz beansprucht oder weggenommen – das Bühnenbild von BETTINA MEYER ist eine schöne Metapher für das bürokratische Beamtentum. Und natürlich erinnert alles ein wenig an eine Groteske in dieser kafkaesken Geschichte, die Regisseur DAVID HERMANN im April im Schwetzinger Schlosstheater auf die Bühne gebracht hat und die nun im Luzerner Theater in Kooperation mit dem Lucerne Festival zu sehen ist. Deutlich in der Umsetzung – Goljadkins Innenwelt und im krassen Gegensatz dazu sein bürokratisches Umfeld, sein überorganisiertes Leben, die auf ihn einbrechende Aussenwelt. Je offensiver und fordernder sein Doppelgänger (CHRISTIAN TSCHELEBIEW) auftritt, umso verzweifelter agiert Goljadkin der mit PETER SCHÖNE hervorragend besetzt ist. Facettenreich setzt er seinen wunderschön klingenden Bariton ein, um jeglichen Gefühlszustand auszuloten, wenn ihm eine Situation zu viel wird, kippt er schon mal ins Falsett. Überhaupt lässt die Musik Ronchettis viel Freiraum für Stimmakrobatik, wunderbar, wie vor allem die gesanglichen Momente des Doppelgängers mit einem Vokalquartett gedoppelt, unterstützt werden, das klingt stellenweise fast schon sphärisch, meistens jedenfalls unheilvoll (ROBERT MASZL, ZVI EMANUEL-MARIAL, CHRISTIAN TSCHELEBIEW, VLADYSLAV TLUSHCH). Die von Goljadkin angebetete Klara Olsufjewna (OLIVIA STAHN) ist eine in anderen Sphären lebende und auch so klingende Figur, irgendwie real und gleichzeitig unerreichbar, so wie überhaupt sämtliche Figuren die den Protagonisten umgeben eher grotesk überhöht und nicht von dieser Welt wirken, verstärkt durch das maskenhafte, überzeichnete Neopren-Kostümbild von YOU-JIN SEO. In ihrem Libretto verzichtet KATJA PETROWSKAJA auf lange Dialoge und Erklärungen, vielmehr sind es prägnante Statements, Wortfetzen, Gedankenspiele und auch in diesen gut 75 Minuten bleibt zu guter Letzt unklar, ob es diesen Doppelgänger wirklich gibt oder ob die Schizophrenie das Leben des Jakow Petrowitssch Goljadkins durcheinander und ihn anschliessend ins Irrenhaus bringt. Und auch wenn wir das nicht wissen, klar ist, als Beamter steht man unter Druck, wird überwacht – sei es durch den eigenen Diener Petruschka (ZVI EMANUEL-MARIAL), seinem Abteilungsleiter im Kontor Andrej Filippowitsch (VLADYSLAV TLUSHCH) oder dem äusserst schrägen Doktor Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz (einmal mehr einen Idealbesetzung: ROBERT MASZL). So famos dieses Bühnenbild ist, lässt es doch durch seine vielen Wände nur wenige Begegnungen zu, die das Stück aber benötigt, um es wirklich zu verstehen, so bleiben sämtliche Personen zumeist für sich und abgeschottet oder alleine vor sich hintänzelnd, aber das ist vielleicht auch die Intention. Und auch wenn sich die Regie nach einiger Zeit etwas erschöpft, die Schlussszene ist famos und ein Besuch lohnt sich schon der Musik wegen allemal, denn aus dem Graben tönen interessante Klänge und spannende Musik. Diese vielen fast schon albtraumhaften Klänge des Vokalquartetts sind dem SWR Experimentalstudio und MAURICE OESER zu verdanken und eine grossartiger Bereicherung in dieser Partitur, die von der St. Petersburger Geräuschkulisse samt Hufgetrappel, Bürogeräuschen (Stempel, Akten, Blättern….) und folkloristischen Strassenmusikern inspiriert wurde – so hört man in der Einführung vor der Vorstellung. Ab und zu meint man sogar Goljadkins heftigen Atem oder seinen Puls, seine Erregung zu spüren. Das ist spannende Musik, man hat das Gefühl, etwas wirklich Neues zu hören, in diesen sehr sängerfreundlich Klangteppich kann man sich fallenlassen, sich ganz der Musik hingeben. Zu verdanken ist dies der äusserst transparenten musikalischen Leitung von TITO CECCHERINI (den ich noch sehr gut in Erinnerung habe von Poulencs „Dialogues des Carmélites“ und Ligetis „Le Grand Macabre“ an der Oper Zürich) und dem LUZERNER SINFONIEORCHESTER. Und einmal mehr hat sich die Fahrt ans Luzerner Theater gelohnt, für mich ein sehr cooler Saisonauftakt…

What’s next? Saisoneröffnung in der Tonhalle Zürich (Järvi/Ólafsson: Brahms/Thorvaldsdottir/Strawinsky) und Verdis „Simon Boccanegra“ an der Oper Zürich (Homoki/Arrivabeni/Gerhaher)….

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