Daniel Kehlmann – Tyll.

Bei Erscheinen des neuen Romans „Tyll“ von Daniel Kehlmann, habe ich diesen nur beiläufig zur Kenntnis genommen, thematisch hat er mich beim groben Überfliegen des Klappentexts überhaupt nicht angesprochen. Till Eulenspiegel – das waren für mich lustige Geschichten, die ich als Kind oder Jugendlicher gelesen hatte, zusammen mit germanischen Göttersagen und Enid Blytons „Fünf Freunde“ – Bücher. Eher zufällig und gelangweilt beim Warten in einer grossen Bahnhofsbuchhandlung habe ich dann aber doch zugegriffen und diesen wunderbaren Roman in einem (buchstäblichen) Zuge verschlungen…

Und bereits nach den ersten paar Seiten hat mich dieser Roman in seinen Bann gezogen, zum einen natürlich wegen der geistreich erzählten (mehr oder weniger fiktiven) Geschichte Eulenspiegels, zum anderen aber auch wegen des 30jährigen Krieges. Denn eigentlich ist dieser Roman eine Schilderung dieser Epoche bzw. des mühsamen Lebens zu dieser Zeit. In einzelnen Episoden erzählt Kehlmann anhand verschiedener illustrer Figuren den Weg Till Eulenspiegels von seiner Kindheit bis an verschiedene Königshöfe. Es gibt verschiedene Erzählstränge, die letztendlich alle miteinander verwoben sind. Das ist sehr schön und interessant zu lesen und Kehlmanns Stil hat mir schon bei „Die Vermessung der Welt“ und „Ruhm“ sehr gut gefallen. Natürlich hat Eulenspiegel – historisch gesehen – im 17. Jahrhundert nichts zu suchen, aber es passt einfach sehr gut: diese Sehnsucht der im langjährigen Krieg darbenden Menschen nach ein klein wenig Humor und Schelmerei. Historische Genauigkeit ist auch nicht der Fokus dieses Romans, vielmehr sind es hochinteressant und spannend erzählt Episoden aus diesem verheerenden Glaubenskrieg, verwoben mit dem Leben Eulenspiegels, der ja eigentlich  dem 14. Jahrhundert entsprungen ist…

Tyll Ulenspiegel – Vagant, Schausteller und Provokateur – wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Müllerssohn in einem kleinen Dorf geboren. Sein Vater, ein Magier und Welterforscher, gerät schon bald mit der Kirche in Konflikt. Tyll muss fliehen, die Bäckerstochter Nele begleitet ihn. Auf seinen Wegen durch das von den Religionskriegen verheerte Land begegnen sie vielen kleinen Leuten und einigen der sogenannten Großen: dem jungen Gelehrten und Schriftsteller Martin von Wolkenstein, der für sein Leben gern den Krieg kennenlernen möchte, dem melancholischen Henker Tilman und Pirmin, dem Jongleur, dem sprechenden Esel Origenes, dem exilierten Königspaar Elisabeth und Friedrich von Böhmen, deren Ungeschick den Krieg einst ausgelöst hat, dem Arzt Paul Fleming, der den absonderlichen Plan verfolgt, Gedichte auf Deutsch zu schreiben, und nicht zuletzt dem fanatischen Jesuiten Tesimond und dem Weltweisen Athanasius Kircher, dessen größtes Geheimnis darin besteht, dass er seine aufsehenerregenden Versuchsergebnisse erschwindelt und erfunden hat. Ihre Schicksale verbinden sich zu einem Zeitgewebe, zum Epos vom Dreißigjährigen Krieg. Und um wen sollte es sich entfalten, wenn nicht um Tyll, jenen rätselhaften Gaukler, der eines Tages beschlossen hat, niemals zu sterben.

Herrlich die Beschreibung der einzelnen Personen und die Dialoge im Kapitel „Die Grosse Kunst von Licht und Schatten“ des Weltweisen Athanasius Kircher oder die Geschichte des Winterkönig-Paares Elisabeth und Friedrich von Böhmen, die letztendlich Auslöser waren für diesen langjährigen Krieg und deren Fäden sich durch sämtliche Handlungsstränge ziehen und auf das letzte Kapitel hinauslaufen. Das ist nun wirklich ein reichhaltiger Roman, toll erzählt und für einen vermeintlichen Historienroman witzig und wirklich „grosses Kino“ (dabei sind mir Historienromane normalerweise ein Gräuel!!!). Und trotz all dieser farbenreich erzählten grauenvollen Erlebnisse und Kriegsgräuel behält der Roman fortwährend eine Leichtigkeit, ja fast schon etwas Tänzelndes. Das ist natürlich der Figur Till Eulenspiegels geschuldet, der sich trotz aller Mühsal immer mit Schalk und Schabernack durchs Leben mogelt. Eine tolle Mischung von Wahrheit und Dichtung!

Ob es Till Eulenspiegel jemals gegeben hat, ist nicht bewiesen und ist im Grunde auch nebensächlich, die Figur ist äusserst interessant, facettenreich und wurde deswegen auch vielfach in Büchern, Filmen und musikalisch verarbeitet (u.a. als Oper von Walter Braunfels und natürlich als sinfonische Dichtung von Richard Strauss).

„Tyll“ von Daniel Kehlmann, Rowohlt Verlag, 2017

 

4 Comments

      1. arcimboldis_world

        Das ist ja das Schöne an Büchern, ja am ganzen Leben, das eben nicht alle Menschen (in diesem Fall eben Leser) gleich empfinden – sonst wäre das ja total fade. Gleichschaltung erfolgt eh immer stärker…… ich war selbst ganz überrascht, dass ich es so mochte, nachdem es mich beim ersten Überfliegen null interessiert hat. Hast Du es gelesen? Wenn ja, was hat Dir daran nicht gefallen?

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      2. buchuhu

        Ja, ich habe es gelesen. Ich glaube, ich habe an vielen Stellen im Buch zu viel Form- und Kunstwillen des Autors gespürt, sodass ich mich bedrängt fühlte, ihm ständig Beifall klatschen zu müssen – allerdings eher für Äußerlichkeiten, während ich innerlich eher unbeteiligt blieb. Gar nicht so leicht, ein gewisses Unbehagen in Worte zu fassen, ich habe es auch mal ausführlich in meinem Blog versucht. Aber es ist, wie Du sagst. Nicht jedes Buch muss zu jedem Leser passen. Und beim Lesen anderer Meinungen denke ich doch noch mal darüber nach, ob an Tyll nicht doch mehr Schätzenswertes ist, als ich zunächst darin gesehen habe.

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