Der Fliegende Holländer – Bayreuther Festspiele 03.08.2018

In seinem sechsten und letzten Jahr ist „Der fliegende Holländer“ nach dem sehr enttäuschenden „Lohengrin“ eine Wohltat – bei den diesjährigen Temperaturen sowieso auch aufgrund seiner Länge bzw. Kürze. Auf der Bühne sind zwar viele Ventilatoren zu sehen, doch den temperaturmässig sehr heissen Zuschauerraum kühlen sie nicht, Jan Philipp Glogers Inszenierung hingegen, ist immer noch unterhaltsam, schlüssig, stellenweise sogar komisch…

Die Geschichte, die der Regisseur Jan Philipp Gloger erzählt, ist zeitgemäss, glaubhaft und nachvollziehbar und hat seine eigene Ästhetik in der Ausstattung (Bühnenbild: Christof Hetzer). Vielen Zuschauern ist das ganz offensichtlich zu sperrig, mir hat diese Inszenierung bereits 2014 sehr gut gefallen (damals noch mit Christian Thielemann am Pult). Der Vorhang öffnet sich und Daland (präzise und mit toller Textverständlichkeit: Peter Rose) sitzt mit seinem Steuermann (Rainer Trost) einsam und verlassen in einem kleinen Ruderboot inmitten eines wild blinkenden, schwarzglänzenden und unpersönlichen Datennetzwerkes an Geschäftsbeziehungen und Businessaktionen, ein Countdown läuft.  Er führt ein – wohl mittelständisches – Unternehmen, produziert Ventilatoren und ist offenbar auf „frisches Geld“ angewiesen, da kommt ihm der auftauchende Holländer (John Lundgren) als neuer Geschäftspartner und Investor gerade recht und er verhökert sogleich seine Tochter Senta, die wohl bis anhin ein Verhältnis mit dem Hausmeister Erik hat. Senta lebt in einer anderen Welt (ist sie vielleicht bildende Künstlerin?) und nimmt die Möglichkeit, mit dem Holländer dieser doch recht biederen Enge zu entfliehen, dankbar an. Erlösung kommt – natürlich wie zu erwarten – durch einen Doppelselbstmord zum Finale. Daland – ganz der findige Geschäftsmann – vermarktet auch diesen und kreiert hierfür ein neues Produkt…

Das klingt jetzt nach mehr Tiefgang und Substanz, als die Produktion letztendlich hat, aber es ist kurzweilig und das ist bei Wagner nicht unbedingt immer der Fall. Man kann Glogers Lesart als Konsum- und Kapitalismuskritik sehen, man kann es aber einfach als eine neue und weitere Erzählvariante betrachten – die Inszenierung ist in sich stimmig und durchdacht und hat teilweise durchaus erheiternde und sehr leichtfüssige Momente, etwa das durchchoreografierte Nümmerchen Dalands mit dem Rollkoffer oder die leicht genervte Mary bei Sentas pathetischer Ballade.

Musikalisch ist dieser Holländer sehr temporeich, Axel Kober (der dies bereits vor ein paar Jahren von Thielemann übernommen hat) lässt bereits in der Ouvertüre erkennen, dass dies ein flotter Abend wird und er weniger Wert auf üppigen typischen Wagner-Klang, denn auf straffe Tempi legt. Die Sängerriege ist sehr durchwachsen, der Holländer konnte musikalisch nicht über die Jahre reifen, mehrfache Umbesetzungen und Wechsel waren die Regel in dieser Produktion. John Lundgren fehlt für meine Begriffe das Dämonische, teilweise versteht man kein Wort. Ricarda Merbeth ist eine etwas tapsige und plumpe Senta mit Intonationsschwierigkeiten (die sie auch bereits 2014 hatte!), von ihrer Stimme würde man sich etwas mehr Strahlkraft wünschen – eher enttäuschend. Die Mary von Christa Mayer hingegen ist auf den Punkt. Höhepunkt des Abends ist dennoch die Begegnung Senta-Holländer, auf der sich langsam zu drehen beginnende Bühne mit den grossen Schattenrissen. Hier entsteht tatsächlich eine – nicht nur -musikalische Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann (und will). Herausragend – auch in diesem Jahr – der zur Hauptrolle mutierende Erik von Tomislav Muzek, ihn wünscht man baldigst in einer grossen Partie zu sehen/hören – was für eine tolle Stimme!

Und was soll ich sagen: dieser Holländer in Bayreuth war meine crazy crazy crazy 400. besuchte Opernvorstellung in meinen mittlerweile 50 Jahren…

„Der fliegende Holländer“ von Richard Wagner (1813-1883)

 

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