Und wie immer kommt Lyrik in den knapp bemessenen freien Lektürezeiten zu kurz, schade eigentlich, denn ich habe grosse Freude daran. Das wunderbare Gedichtbändchen „Vor dem Aug der Stille / Ante el ojo del silencio“ von KARIN MONTEIRO-ZWAHLEN lag auch zu lange auf meinem Bücherstapel neben dem Bett, bis ich es nun endlich in die Hand genommen habe und fast nicht mehr weglegen konnte…
Vielleicht lag es am Thema, dass ich so lange gebraucht habe, mich fast aufraffen musste, um mich damit zu befassen – Migration. Ein im Alltag, in den Medien sehr überstrapaziertes Wort, ein häufig politisch missbrauchter Teil unserer heutigen Weltlage, unserer Gesellschaft, wir alle werden tangiert, sind davon betroffen, viele Menschen lässt das Thema kalt, viele fühlen sich davon bedroht. Und nur selten beschäftigt man sich im Alltag mit den Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, auf der Suche nach einem neuen Leben, fernab ihrer Wurzeln, ihrer Familien. Karin Monteiro-Zwahlen schafft es, all diese zwiespältigen Gefühle und Erfahrungen miteinander zu einem ziemlich akkuraten, ehrlichen, oftmals schmerzhaften Panorama zu verweben. Und doch liegt auch so viel Schönes in dieser Wehmut.
Karin Monteiro-Zwahlen verwebt in ihren deutschen und spanischen Gedichten persönliche und kollektive Erfahrungen zu einer poetischen Ethnografie der Migration. Ihre Texte spüren jenen Zwischenräumen nach, in denen Fremdheit und Heimat ineinanderfließen – manchmal schmerzhaft, manchmal zärtlich, immer ehrlich. Dieses Buch ist kein Bericht über Migration. Es ist ihr Klang. Ihre Stille. Ihr Herzschlag. (Weissmann Verlag)
Der Klappentext bringt es auf den Punkt. Und so finden sich in diesem zweisprachigen Bändchen ganz wunderbare Texte, die immer zunächst in der Sprache abgedruckt sind, in der sie entstanden, danach folgt jeweils die Übersetzung entweder auf Deutsch oder Spanisch. Und auch wenn man des Spanischen nicht mächtig ist, so spürt man doch beim Lesen den Fluss, die Emotion – das finde ich sehr schön und erinnert mich etwas an die wunderbare bilinguale Poesie des Lyrikbandes „unterwegs/in viadi“ von Luisa Famos. Zwanzig der achtundzwanzig Gedichte entstanden original in Spanisch, die restlichen in Deutsch. Sehr gut gefällt mir die Einleitung, der Kontext, der grosse Bogen zu dieser Lyriksammlung, „Die grosse Reise“ ordnet ein, verortet diese Texte und bringt den Sachverhalt zum Thema auf den Punkt, Migration ist unzertrennlich mit Hoffnung verbunden. Sehr berührt hat mich das Gedicht „Namenlose Grabsteine“.
Namenlose Grabsteine
Zwischen den Gräbern
mit namenlosen Grabsteinen
weht ein milder, fast freundlicher Wind
als wolle er die Toten
behüten.
Der Luftzug ist die Hoffnung
ihrer Liebsten
die in fernen Ländern
fest daran glauben
dass sie noch am Leben sind.
Die Gedichte entstanden aus den persönlichen Migrationserfahrungen der Autorin sowie vieler weiterer Personen, die ihre Erlebnisse und Erfahrungen Karin Monteiro-Zwahlen anvertraut haben. Und ganz am Ende des Bandes, der doch auch von Verlust und Traurigkeit geprägt ist, erneut etwas Hoffnung (und doch gleichzeitig diese Hilflosigkeit über das Ausgeliefertsein in der Situation) in dem ganz wunderbaren Gedicht
Mein Laternchen (für Y. und A.)
Ich weiss
dass Du den Heimweg
suchst.
Aber ich kann
nichts anderes tun
als jede Nacht
mein Laternchen
ins Fenster stellen.
Diese Gedichte – und das spürt man von Anfang an – sind sehr persönlich (sind sie das nicht immer?) und in vielen Passagen sehr emotional, genau darin liegt die Kraft und Stärke. Und wenn man sich selbst mit „Vor dem Aug der Stille / Ante el ojo del silencio“ nicht beschenkt, so freut sich sicherlich jemand darüber, der mit dem Thema und der Gattung Lyrik etwas anzufangen weiss. Kraftvoll, unaufdringlich, leise – wunderbar!
„Vor dem Aug der Stille / Ante el ojo del silencio – Gedichte über Migration auf Deutsch und Spanisch“ von Karin Monteiro-Zwahlen, 2025, Weissmann Verlag, ISBN: 978-3-949168-21-5 (Werbung)
Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich bei sehr herzlich beim Weissmann Verlag bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.
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