Sonic Matter Festival: Valade / Josefowicz: Kendall / Adès / Chin – Tonhalle Zürich 20.02.2026

Unter dem Motto «drift» begibt sich das SONIC MATTER Festival für experimentelle Musik vom 26. Februar bis 1. März 2026 in die Wogen der Zeit. Und wieder steht ganz zu Beginn in der Tonhalle ein Satellitenkonzert mit dem Tonhalle Orchester Zürich und einem spannenden Programm mit Musik von Hannah Kendall, Thomas Adès und Unsuk Chin…

Es ist bereits die fünfte Festivalausgabe und so blicken die beiden Kuratorinnen/Künstlerischen Leiterinnen LISA NOLTE und KATHARINA ROSENBERGER (die zuletzt auf der Studiobühne der Oper Zürich mit der interessanten Musiktheater-Performance „Sillons de Mémoires“ präsent war…) auf spannende Jahre zurück und können sich tatsächlich glücklich schätzen, einen derart wunderbaren Klangkörper wie das TONHALLE ORCHESTER ZÜRICH in ihr Programm zu integrieren. Blickt man auf das Festivalprogramm, so gäbe es noch einige weitere Preziosen zu entdecken, aber eben – man kann nicht alles machen. Und so sind wir wie in jedem Jahr zumindest zum Konzert in der Tonhalle, auch weil es Musik von Thomas Adès zu hören gibt und LEILA JOSEFOWICZ dessen Violinkonzert „Concentric Paths“ op. 23 zum Besten gibt.

Hannah Kendall: „O Flower of Fire“ – Schweizer Erstaufführung / Thomas Adès: Violinkonzert „Concentric Paths“ op. 23 / Encore Leila Josefowicz: „Lachen verlernt“ von Esa-Pekka Salonen / Unsuk Chin: „Alaraph – Ritus des Herzschlags“

Das gut 80 Minuten dauernde Konzert ohne Pause beginnt mit Hannah Kendalls Werk „O Flower of Fire“ als Schweizer Erstaufführung, einem Stück, das gemäss Komponistin vom Ringen um den Glauben handelt. Inspiriert vom Gedicht „Voices“ des karibischen Poeten Martin Carter aus Guyana, befasst sich Kendall in ihren Forschungen mit Anrufungen in der Musik, insbesondere auf Plantagen. Hm, das klingt irgendwie weit weg und ich lasse es mal so stehen, interessant ist die Musik allemal, denn es gibt interessante musikalische Aspekte bei der Instrumentierung, wie etwa Spieluhren (die man aber tatsächlich nur stellenweise und dann auch nur ganz dezent und leise heraushören kann) oder Mundharmonikas, von denen jeweils 2 gleichzeitig von Musikern ge-/bespielt werden. Diese langsam ausklingende Zartheit der Spieluhren ist wirklich schön, zart, sanft und verleiht der Musik eine ganz wundersame Ruhe. Im Anschluss dann das Violinkonzert von Thomas Adès – Inhaber des Creative Chairs 2025/2026 beim Tonhalle Orchester Zürich – mit der wunderbaren LEILA JOSEFOWICZ als Solistin.

Josefowicz, die dieses Werk weltweit spielt, ist bekannt für ihre leidenschaftliche und technisch brillante Spielweise, dieses Werk, dass quasi für sie von Adès geschrieben wurde, hat sie sich ganz zu eigen gemacht und bildet zusammen mit dem Dirigenten PIERRE-ANDRÉ VALLADE und dem Orchester eine wundersame Einheit, die Musik ist eine extrem starke Mischung aus tonalen und atonalen Momenten, stellenweise dissonant und dann wieder absolut harmonisch. Man taucht ein in diese Musik, in diese drei Sätze und bis man sich versieht, ist das Konzert zu Ende. Als Zugabe spielt Josefowicz Esa-Pekka Salonens „Lachen verlernt“. Und zuletzt dann noch die wuchtige Musik der koreanischen Komponistin UNSUK CHIN, in riesiger Besetzung und bereits am immensen Schlagwerk-Aufbau im hintern Teil des Podiums und gleich sechs Herren am Schlagwerk, kann man erahnen, was wir erwarten dürfen (sowas gab es wohl zuletzt in den Konzerten mit Martin Grubinger…. den man doch sehr vermisst im Konzertkalender!).

Ideengeber für dieses Konzert waren gemäss Aussage der Komponistin bestimmte Aspekte der traditionellen koreanischen Musik zum einen und zum anderen das Konzept der sogenannten „Heartbeat Stars“ (Ein Heartbeat Star ist ein Pulsationsveränderlicher Stern, dessen Schwingungen über Gezeitenkräfte angeregt werden. Der Name Heartbeat kommt von einer Ähnlichkeit der Lichtkurve des veränderlichen Sterns mit dem Verlauf des Herzschlags in einem Elektrokardiogramm – wikipedia). Ein interessante Mischung und dann entnehme ich dem Programmheft noch ein Zitat der Komponistin, das mir sehr gefällt: „Komponieren ist wie Kochen, es ist wirklich dasselbe. Wenn ich zum Beispiel ein neues Stück eines anderen Komponisten höre, nehme ich eine bestimmte Orchestrierung oder Klangfarbe war und kann nachvollziehen, welche Kombination von Elementen dafür verantwortlich ist. Wenn ich in ein Restaurant gehe, versuche ich zu Hause, das Gericht nachzukochen. Meistens gelingt mir das auch!“. Das ist das tolle an neuer Musik, man sieht und hört neue Instrumente und Klänge und taucht in unbekannte musikalische Sphären ein. Pierre-André Valade ist natürlich der richtige Mann für experimentelle Musik, wobei ich dieses Konzert zwar als modern, aber nicht unbedingt als experimentell bezeichnen würde. Aber der Besuch dieses Satellitenkonzertes des Sonic Matter Festivals hat sich – wie in den letzten Jahren – unbedingt gelohnt!

Zuletzt besuche Konzerte des Sonic Matter Festivals:

de Ridder/McVinnie: Thorvaldsdottir/Muhly/Bjarnason – Sonic Matter @ Tonhalle Zürich 29.11.2024

Sonic Matter Festival: Valade/Dolberg: Ligeti/Ben-Shabetai/Fallah/Fedele – Tonhalle Zürich 01.12.2023

Sonic Matter Festival: Ruzicka/Mönkemeyer: Ruzicka/Enescu – Tonhalle Zürich 02.12.2022

Sonic Matter Festival: Xenakis/Hiendl – Aktionshalle Rote Fabrik 01.12.2022

Zuletzt besuchte Konzerte:

Guggeis/Trpčeski: Ravel/Liszt – Tonhalle Zürich 11.12.2025

Rezital Víkingur Ólafsson: Bach/Beethoven/Schubert – Tonhalle Zürich 05.12.2025

Järvi: Mahler 2 – Tonhalle Zürich 12.11.2025

Mācelaru/Fröst: Clyne/Prokofiew – Tonhalle Zürich 24.10.2025

Estonian Festival Orchestra/Järvi/Midori/Aavik: Happy Birthday Arvo Pärt! – Tonhalle Zürich 19.10.2025

Järvi/Sidorova: Pärt/Kōrvits/Vasks/Mozart – Tonhalle Zürich 26.09.2025

Järvi/Gabetta: Adès/Schostakowitsch/Rachmaninow – Tonhalle Zürich 17.09.2025

Järvi/Thibaudet: Chatschaturjan/Sibelius – Tonhalle Zürich 12.06.2025

Swiss Orchestra/Lena-Lisa Wüstendorfer & Stephan Eicher – Tonhalle Zürich 01.06.2025

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