Es kommt wirklich selten vor, dass ich ein Buch bereits nach wenigen Kapiteln beiseite lege und mich entscheide, dass es das war. Ich gebe den Büchern zumeist eine grosse Chance, so wie ich auch im Theater nie vorzeitig gehe. Ich hoffe immer, dass noch etwas kommt, für das es sich lohnt (dran) zu bleiben. Aber bei LOUISE BROWNs aktuellem Text „Zuversicht. Von den kleinen Wundern des Lebens“ habe ich bereits nach 40 Seiten (eigentlich schon früher) genug und weiss, da kommt nichts mehr, was mich noch grossartig interessieren wird…
Das ist sehr schade, denn der Vorgänger „Was bleibt, wenn wir Sterben“ hat mir ausserordentlich gut gefallen und ich hatte sogar ernsthaft über eine Ausbildung zum Trauerredner nachgedacht, so sehr hat mich das Buch berührt. Und dann war klar, dass ich ihr neues Buch „Zuversicht“ unbedingt lesen möchte, erstaunlich, denn ich bin keinesfalls Leser von Lebenshilfe-Literatur und Derartigem, aber ist es nicht gerade Zuversicht, die wir aktuell alle etwas brauchen könnten? Das war der Grund, warum ich mich dafür entschieden habe, es zu lesen. Aber nun frage ich mich, was habe ich erwartet? Doch Lebenshilfe? Unterstützung, wie man mit der aktuellen Lage auf dieser Welt am besten umgeht, wie man es schafft, all diese egozentrischen Despoten und die vielen Kriege auszublenden? Denn es sind die grossen Dinge auf dieser Welt, die erdumspannenden Themen (und natürlich der amerikanische Präsident, dessen Name nicht genannt werden soll), die aktuell alles etwas grau und düster erscheinen lassen und nicht mein persönlicher Alltag. Also wie sollte Louise Brown mir dabei helfen? Und so kommt es dann auch. Ich lese diese netten kleinen Stories, beginnend damit, dass sie mit ihrem Sohn in London strandet und nicht nach Hause fliegen kann, weil der Pass des Sohnen abgelaufen ist, sie findet dann aber Zuversicht in einer von der Sonne golden beschienenen Häuserzeile am Ufer der Themse. Und so geht es dann auch in den nächsten Kapiteln weiter, ich lese nur noch quer und lande bei einer Geschichte, wo sie sich in das Fell ihres schlafenden Hundes kuschelt, daran riecht, es hat etwas tröstliches, erinnert sie an die Kekse ihrer Grossmutter. Danke, das ist mir zu viel des Guten. So viel Zuversicht finde ich auch ohne Louise Brown. So viel Sinn für das Gute im Leben habe ich noch.
Wir leben in schwierigen Zeiten. Was können wir tun, wenn uns die Unbeschwertheit abhandenkommt? Louise Brown weiß um die Flüchtigkeit des Glücks. Um ihm auf die Spur zu kommen, stellt sie sich eine Aufgabe: ein Jahr lang den Sinn zu schärfen für das Gute, das ihr in ihrem Alltag begegnet. Sie entdeckt, dass auch jeder noch so finstere Tag Momente der Freude und des Staunens birgt. Ihr Buch ist eine Anleitung in der Kunst der Zuversicht. (Diogenes Verlag)
Das ist mir dann doch alles zu seicht und weichgespült und ich kann – für mich zumindest – keinerlei Hoffnung oder gar Zuversicht finden, klappe den Buchdeckel zu und entscheide, dass es das war und es sich für mich keinesfalls lohnt, auch nur eine weitere Seite davon zu lesen. Ganz ehrlich, was soll das? Es freut mich sehr, dass Mrs. Brown in vielen Kleinigkeiten ihres Alltags etwas Schönes finden kann, daraus aber ein ganzen Buch zu machen, als Ratgeber, als – ja, als was eigentlich, für eine breite Leserschaft, finde ich etwas vermessen… Und Zeitverschwendung.
„Zuversicht“ von Louise Brown, 2025, Diogenes Verlag, ISBN: 978-3-257-07359-1 (Werbung)
Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich bei sehr herzlich beim Diogenes Verlag bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.
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