Alleine schon wegen des grossen Schlussmonologs von MARKUS SCHEUMANN als Don Fabrizio Corbera, Fürst von Salina, lohnt sich der Besuch einer Vorstellung von „Il Gattopardo“ und natürlich wegen des fabelhaften Bühnenbildes von MICHELA FLÜCK, durch das man in die grosse Halle des Zürcher Schiffbaus flaniert, bevor man sich gut 3.5 Stunden lang PINAR KARABULUTS hervorragender Inszenierung dieses epochalen Romans von Giuseppe Tomasi di Lampedusas hingibt …
Heutzutage, wo an den meisten Theatern die Stücke gekürzt, grossenteils ohne Pause gespielt, komprimiert, überschrieben werden, weil man nur eine Essenz möchte und nie das Ganze, erscheint einem die angegebene Dauer von „Il Gattopardo“ zunächst als Herausforderung (ausser man geht gerne in die Oper und liebt Wagner) am Freitagabend, immer noch etwas müde und matt von den Weihnachts- und Silvester-Feierlichkeiten (mit einem herrlichen „Barbe-Bleue“ in Lausanne!!!). Die Zeit vergeht jedoch im Flug und was sich schon (nach den fünf Dürre-Jahren von Stemann und Blomberg) in der letzten interimistischen Saison angekündigt hat, ist nun Wirklichkeit: das Zürcher Schauspielhaus ist wieder da, zurück mit grosser Klasse, auf hohem Niveau und alleine diese Produktion macht grosse Lust auf sehr viel mehr. Ich war gespannt und voller Erwartung, denn nicht nur für Regisseurin PINAR KARABULUT ist Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman einer der Lieblingsromane, auch für mich ist „Il Gattopardo“ seit der erstmaligen Lektüre vor über 25 Jahren immer noch sehr präsent und ein Meisterwerk, das bedauerlicherweise erst nach dem Tod des Autors erschienen ist. Karabulut schafft es, die vielen Stimmungen und feinen Nuancen herauszuarbeiten und präsentiert uns zu ihrem Einstand als Co-Intendantin einen spannenden Theaterabend in grossartiger Besetzung. Natürlich kann man sich berechtigt fragen warum ausgerechnet „Il Gattopardo“, was hat das mit Zürich, mit der heutigen Zeit und mit uns zu tun? Und es ist absolut legitim von Karabulut, wenn ihre Antwort darauf lautet, dass sie das schon immer inszenieren wollte und nun ist es eben soweit. Und zudem ist es egal, denn manchmal reicht es auch, wenn ein Theaterabend gut unterhält und keine Lehrstunde sein will. Aber das Beste: Markus Scheumann ist wieder ins Zürcher Ensemble zurückgekehrt – Hurra! – und als Familienoberhaupt der Salinas ist er der Mittelpunkt. Omnipräsent strahlt er eine Ruhe und Gelassenheit aus, zeigt viele Farben, Untertöne, eher selten ein grosser Ausbruch, hysterische Ausbrüche überlässt er den Anderen, überwiegend der Tochter Concetta (gefasst und in jeder Situation würdevoll, sofern nicht hysterisch: SOPHIA MERCEDES BURTSCHER) und seiner Frau, der Fürstin Maria Stella (strahlend und voller Eleganz: NICOLA GRÜNDEL) sowie dem überdrehten Don Calogero Sedara von ALEXANDER ANGELETTA (hier sei sogleich das interessante Kostümbild von SARA VALENTINA GIANCANE erwähnt, mein absoluter Favorit ist Tancredis lilafarbenes Outfit mit dem grünen Gehrock! I love it! Ach, und die rosa Livre der Dienerschaft und natürlich das karierte Outfit von Don Calogero und das grosse Auftrittskostüm im Reifrock von Angelica). Gebannt verfolgen wir die historischen Geschehnisse, die Konsequenzen für die Familie und mit Don Fabrizios Tod ist dann wohl auch das Ende des Hauses Salina besiegelt, in seinem dreissigminütigen Monolog am Ende des Stückes (quasi komplett dem Roman entnommen) spricht er mit dem Tod, über seinen Tod, zieht er einen Schlussstrich unter dieses Kapitel und wir erleben ein grossartiges Resümee.

Das ist der packendste Moment an diesem Abend, wie gebannt lauschen wir diesem grossartigen Text, diesem grossartigen Schauspieler. Die restliche Zeit blicken wir wie Voyeure in diesen unglaublichen Raum mit seinen vielen Details und zusätzlichen mobilen Räumlichkeiten wie etwa die Hauskapelle oder dem Arbeitszimmer, verfolgen die Ereignisse, nehmen Teil an fast choreographisch arrangierten Happenings, Bällen, Abendessen, für die Karabulut sich Zeit nimmt, nichts strafft, man spürt die Hitze des sizilianischen Sommers, die alles verlangsamt, den Staub der Landschaft, das Zerbröckeln einer langsam vergehenden Epoche. Seltsamerweise spürt man die verschiedenen Beziehungen der Protagonisten untereinander nicht wirklich, jeder ist für sich, manchmal unemotional und jeder für sich, manchmal hysterisch und schräg, aber immer zeichnen sie interessante Figuren, wie etwa den omnipräsenten (war er im Roman oder im Film von Visconti auch so im Vordergrund? Muss ich nochmals ran…) PETER KNAACK als Pater, immer zu haben für ein Gläschen Likör und natürlich MIRJAM RAST als Angelica, die mich von ihrem Äusseren ein wenig an die junge Bette Midler erinnert und deren erster Auftritt gross zelebriert wird, wunderbar, wie sie langsam nach vorne schreitet, ihre Kleider immer over the top, neureich eben, kein alter Adel, eine neue Zeit bricht an. Tomasi war selbst aristokratischer Abstammung (nachzulesen im eher seichten, doch ganz lesenswerten Roman von Steven Price „Der letzte Prinz„) und beschreibt ihn diesem Roman den allmählichen Machtverlust und Untergang einer sizilianischen Adelsfamilie über einen Zeitraum von 50 Jahren, zuletzt entsorgt man diese nicht mehr benötigte Bourgeoisie wie einen mottenzerfressenden Hund, der am Bühnenrand vor sich hinmodert. Italien ist nun ein vermeintlich geeintes Land, eine konstitutionelle Monarchie, es ist die grosse Zeit von Garibaldi. „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss sich alles ändern“ sagt Tancredi (MOUATAZ ALSHALTHOUH) gleich zu Beginn und das ist wohl auch die Quintessenz des Abends, die mich durchgehend begleitet auf dieser herrlichen Reise in eine andere Zeit längst vergangenen Ausstattungstheaters. Interessanterweise konnte man – bis auf die üblichen Hustenanfälle – die ganze Vorstellung über eine Stecknadel fallen hören, wie gebannt und hochkonzentriert lauschte das Publikum den wunderbaren Dialogen und zuletzt natürlich dem Abgesang Markus Scheumanns. Ich sag es mal ganz pathetisch – dieser Abend hat mich wirklich glücklich gemacht.
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Aus gegebenem Anlass des erschütternden Brandunglücks in Crans-Montana sende ich trauernde Anteilnahme und Mitgefühl für alle Betroffenen hier Dir und der schweizerischen Lesegemeinde.
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Nach dem schrecklichen Ereignis finde ich es tröstlich, von einem beglückenden Theaterabend zu lesen. Deine Schilderung regt an, den Roman mal anzuschauen.
Alle guten Wünsche ins neue Jahr nach Züri aus Nüri sendet Bernd
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Lieber Bernd – danke für Deinen liebenswerten Kommentar. Ja, es war / ist ein wirklich ganz wunderbarer Theaterabend und leider ebenfalls JA, dieses Unglück in Crans-Montana erschüttert wirklich das ganze Land. Man kann es nicht fassen. Danke auch für Deine guten Wünsche, ich wünsche Dir auch alles erdenklich Gute für 2026 und freue mich immer sehr über Deine Kommentare. Herzlichst aus Zürich. A.
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