Hilmar Klute – Im Traum suche ich immer das Weite.

Hilmar Klutes lesenswerte Coming-of-Age-Story um den angehenden Schriftsteller Volker Winterberg geht weiter – nach seinem Debütroman „Was dann nachher so schön fliegt“ (2018), ist nun bei Galiani Berlin die Fortsetzung „Im Traum suche ich immer das Weite“ erschienen…

Wer Hilmar Klute kennt, der weiss, dass er sich über überbordende Sprache und herrliche Satzkonstruktionen freuen darf. „Was dann nachher so schön fliegt“ fand ich ganz wunderbar, die beiden letzten Romane Klutes „Oberkampf“ und „Die schweigsamen Affen der Dinge“ ebenso, nun also knüpft er an die Vorgängergeschichte an und wir erfahren, wie es mit Volker Winterbergs Leben nach dem Zivildienst und seinem Berlin-Abenteuer weitergeht.

Frühsommer, Ende der Achtzigerjahre. Volker Winterberg hat seinen Traum vom Bohemeleben in Berlin und seinen Zivildienst beendet. Jetzt ist er wieder daheim im Ruhrgebiet, sitzt seine Zeit in Seminaren an der Uni ab, nimmt an Schreibkursen teil und hilft am Theater aus. Aber ungestillt ist sein Hunger nach der Essenz des Lebens und der Kunst. Jeden Abend sieht er die Stücke der Großen auf der Theaterbühne, freundet sich mit den Theaterleuten an und verehrt vor allem den großen Traugott Buhre. Doch statt voranzukommen, holt ihn die Vergangenheit ein: Seine kurze Berliner Affäre kündigt ihren Besuch an und bringt den unentschlossenen Volker in gewaltige Verlegenheit. Gemäß dem Motto »Man musste nur im richtigen Teil der Welt geboren sein, um im falschen Teil ein gutes Leben führen zu können« beschließt er danach, gemeinsam mit seinem Freund Leo auszubrechen und äußere und innere Kontinente zu durchmessen: Sie reisen ohne festen Plan gen Süden, und schließlich verschlägt es sie in die unbekannten Weiten des offiziell noch sozialistischen Ungarn. Doch auf Volker warten noch ganz andere Abenteuer – und die finden im Kopf statt, aber auch an Orten, wo er sie nicht vermutet hätte. (Galiani Verlag Berlin)

Natürlich ist die Erwartungshaltung nach dem herrlich leichten und süffisant amüsanten Vorgängerroman gross, mit „Im Traum suche immer das Weite“ bleibt Klute sich stilistisch treu und wir begegnen vielen Literaten, Dichtern und Schauspielern und das sind auch die wirklich köstlichen Momente in dieser Fortsetzung, die (Nicht-)Beziehung mit Katja aus Berlin hingegen wirkt ein wenig, wie ein lauer Aufguss. Wunderbar die Stories über den Grossvater, vor allem der Kasernenmoment und dem aufgrund der engen Hosentasche verhinderten Hitlergruss und zuletzt, wenn Winterberg in München zu einem Literatentreffen eingeladen ist und wie beiläufig Begegnungen mit Herbert Achternbusch und Michael Ende hat und sich der Titel des Romans „Im Traum suche ich immer das Weite“ für den Leser entschlüsselt – dann läuft Klute zur Hochform auf und ich amüsiere mich köstlich über die detaillierten Beschreibungen von Personen und Situationen der Literaturblase – etwa, wenn er die Veranstaltung wegen Fremdscham am liebsten verlassen möchte, hier lese ich dann auch einen meiner Lieblingssätze – „Nichts ergab einen Sinn, die Sprache lag in Trümmern, aber die drei Männer waren verzückt über ihre Verzückung“ (Seite 269). Klutes Romane sind unprätentiös und doch jeder auf seine Art und Weise speziell, packend und teilweise sehr berührend, die beiden „Winterberg – Romane“ sind jedenfalls beste Unterhaltung und machen Lust auf eine nochmalige Fortsetzung…

„Im Traum suche ich immer das Weite“ von Hilmar Klute, 2025, Galiani Verlag Berlin, ISBN: 978-3-86971-296-3 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Galiani Verlag Berlin sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

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