Lange und heiss erwartet – der Abend mit dem Klavierrezital von YUJA WANG und VÍKINGUR ÓLAFSSON. Und dann ist es da – dieses Ereignis – und man erlebt unglaubliche 140 Minuten mit einem virtuosen Programm und fünf Encores bei nicht enden wollendem Applaus in der bis auf den letzten Platz ausverkauften Tonhalle Zürich – was für ein Abend!
Es ist der Beginn ihrer gemeinsamen Tour durch Europa und Nordamerika und wer die beiden Pianist:innen kennt, der weiss, dass man viel erwarten kann und darf. Und man wird nicht enttäuscht. Sie sind quasi die aktuellen Superstars am Klavier, marketingtechnisch sowieso. Dieses Event lebt von den beiden äusserst starken und so absolut gegensätzlichen Künstlerpersönlichkeiten: Wang ist die energische mit teilweise heftigem Anschlag und kraftvollen Ausbrüchen in ihrem Spiel, Ólafsson hingegen ist der nachdenklich und sensibel wirkende, besonnene und hochkonzentrierte, ja fast schon analytische Pianist, der – so scheint es – die Fäden zieht und alles überwacht und unter Kontrolle hat. Und das ist wohl das Interessante an diesem Konzert, das Zusammenspiel dieser beiden starken Persönlichkeiten zu beobachten, diese so unterschiedlichen Energien, die aufeinandertreffen, sich hervorragend ergänzen und dem Saal eine kraftvolle Show bieten. Eine Show – denn das ist es zweifelsohne bereits beim ersten Auftritt, wenn Wang im gelben Minikleid auf Stilettos den Saal betritt, hinter ihr der fast schon bescheiden wirkende Schlipsträger Víkingur Ólafsson, der erst vor kurzem hier in Zürich mit Brahms 1. Klavierkonzert unter Paavo Järvi ein tolles Konzert gespielt hat.
Luciano Berio: „Wasserklavier“ aus „Six Encores“ – Franz Schubert: Fantasie f-Moll D940 für Klavier zu zwei Händen – John Cage: „Experiences No. 1“ für zwei Klaviere – Conlon Nancarrow: Studie Nr. 6 (Arr. für zwei Klaviere Thomas Adès) – John Adams: „Halleluja Junction“ für zwei Klaviere – Arvo Pärt: Hymne to a Great City“ für zwei Klaviere – Sergej Rachmaninow: Sinfonische Tänze op. 45 für zwei Klaviere – Encores: Johannes Brahms: Ungarischer Marsch Nr. 1 für vier Hände – Johannes Brahms: aus 16 Walzer op. 39. Nr. 2 & 4 für vier Hände – Franz Schubert: Militär Marsch Nr. 1 für vier Hände – Alexander Tsfasman: aus Jazz Suite „Nr. 1, Snowflakes“ (Air. für zwei Klaviere Arthur Ancelle) – Anton Dvorák: aus Slawische Tänze Nr. 2 für vier Hände
Das Programm ist klug konzipiert, die drei grossen Werke (Schubert/Adams und Rachmaninow) werden umrahmt und eingebettet in kleine Preziosen, die mit ihrer Sanftheit ebenso begeistern, wie die expressiven Hauptwerke des Konzerts. Grossartig etwa die von Thomas Adès für zwei Klaviere bearbeitete Study Nr. 6 von Conlon Nancarrow – ursprünglich für Player Piano (mit den gestanzten Papierrollen) komponiert – nun virtuos live zu hören. Einige dieser faszinierenden Werke Nancarrows waren zuletzt in einem grossartigen Konzert mit dem Ensemble Opera Nova unter Hans-Peter Achberger am Opernhaus Zürich zu hören, allerdings eben „nur“ vom Player Piano. Umso famoser also, hört man nun eine dieser Studien Nancarrows live und mit vier Händen, wenn man bedenkt, dass er diese Studien ohne Rücksicht auf anatomische Möglichkeiten für ein mechanisches Klavier geschrieben hat. Was für eine Bandbreite unterschiedlicher Stile ist in diesem Konzert zu hören, gleich zu Beginn die äusserste feinfühlige, sensible Fantasie Schuberts, bei der vor allem der Mut zur Stille überrascht und dann als krasser Gegenpol vor der Pause das expressive „Halleluja Juction“ von John Adams, der in der Tonhalle Zürich im März 2022 selbst am Pult stand und gemeinsam mit Víkingur Ólafsson (seinem Debüt mit dem Tonhalle Orchester) „Must The Devil Have All The Good Tones?“ zur Aufführung brachte. Rachmaninows Sinfonische Tänze bieten einen furiosen Schlusspunkt dieses hochvirtuosen Programms. Das Konzert wirkte selbst bei den fünf „spontanen“ Zugaben (Brahms / Brahms / Schubert / Tsfasman / Dvorak) minutiös durchgeplant und dadurch manchmal etwas steril, das ist aber wohl der hohen Konzentration der beiden Künstler:innen für dieses anspruchsvolle Programm geschuldet. Jedoch gibt es auch einige wenige Momente, etwa wenn Yuja Wang ihr Noten-Tablet mehrmals von quer zu hochkant dreht, um das Material korrekt einzurichten, in denen man das Gefühl hat, hier sitzen Menschen am Flügel, die über eine Situation lachen müssen – das macht es letztendlich sehr sympathisch. Das Konzert mit seiner grossartigen Musikauswahl, die für jeden etwas bietet, hallt lange nach und ist und bleibt wohl ein Highlight der Konzertsaison 2024/25…
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