Gusel Jachina – Suleika öffnet die Augen.

Es ist schwierig in einem kurzen Satz den Inhalt des Debütromans der Tatarin Gusel Jachina zu erklären, denn es ist ein Genre-übergreifendes Epos mit vielen verschiedenen Ansatzpunkten. Aber auf den Punkt gebracht kann man sagen: es ist ein lesenswerter und fesselnder Erstling dieser bereits mehrfach ausgezeichneten Autorin… 

Die Hauptfigur Suleika, als sehr junges Mädchen – ja, fast noch als Kind – mit einem rüden und gewalttätigen Bauern verheiratet, lebt auf dem arbeitsreichen Bauernhof unter der Herrschaft der stets unzufriedenen blinden Schwiegermutter und hat bereits mehrere Töchter zur Welt gebracht, alle jedoch sehr früh verstorben, kein männlicher und lang ersehnter Stammhalter in Sicht – so beginnt dieser Roman und nimmt dann doch rasch eine komplett andere Wendung…

TATARIEN 1930: Mit fünfzehn wurde Suleika verheiratet. Vier Kinder hat sie ihrem erheblich älteren Mann geboren. Alle hat sie bald beerdigen müssen. Für ihren Mann und ihre fast hundertjährige herrische Schwiegermutter ist sie nichts als eine Arbeitskraft von geringem Wert. Da bricht ein neues Unglück über sie herein: Die Familie wird enteignet, ihr Mann erschossen. Sie kommt auf den monatelangen Transport nach Sibirien. Unterwegs entdeckt sie, dass sie wieder schwanger ist. Sie muss beim Aufbau einer Siedlung fernab aller Zivilisation mitarbeiten und findet dort endlich die wahre Liebe. Doch hindern sie ihre muslimischen Moralvorstellungen lange Zeit daran, ihren Gefühlen nachzugeben.

(Aufbau Verlag)

Dieser Roman ist in einer eher traditionellen Erzählweise geschrieben, hat stellenweise Ansätze eines Volksmärchens, eingestreute Sagen und Geschichten aus der kulakischen Kultur und steht gleichzeitig in der Tradition des russischen Gesellschaftsromanes. Der Klappentext des Buches lässt einen Liebesroman vermuten, er ist aber viel mehr als das. Es ist eine Geschichte über Emanzipation und Befreiung, es ist die Geschichte des eher unbekannten Tatarien, erzählt wird die „Entkulakisierung“ Russlands durch das Stalinistische Regime. Es ist aber auch eine Hommage an die Kunst. Und es ist eine Geschichte über eine neu zu gründende Zivilisation in der Wildnis Sibiriens,  wobei man sich häufig fragen muss, ob es nicht eher eine planmässige (und fehlgeschlagene) Ausrottung eines ganzen Volkes – nämlich der Kulaken – ist. Diese vielen unterschiedlichen Ansätze und Erzählstränge machen dieses Buch so interessant. Es gibt viel zu lernen und entdecken und es hat viele schockierende Momente in diesem harten und zumeist entbehrungsreichen Leben Suleikas – bereits zu Beginn, als ihr Mann erschossen wird und sich ihr Leben dadurch komplett verändert oder während des langen Weges ins weit entfernte Sibirien. Diese Kapitel der langen und harten Zugfahrt durch den Ural und am Baikalsee entlang in zusammengepferchten Viehwagons erinnern stark an „Doktor Schiwago“. Die gesamte Erfahrungswelt der Bauern in den dunklen und fensterlosen, stark riechenden, Transportwagen ist beklemmend und tragisch. Schockierend für den Leser ist auch der Moment des Schiffsunterganges auf dem Fluss Angara, kurz vor dem Ziel der Reise. Sehr berührend im Gegensatz dazu der Weg Suleikas von einer billigen unterdrückten Arbeitskraft an der Seite des einfachen Bauers zu einer gereiften eigenständigen Jägerin und der Aufbruch des Sohnes am Ende der Geschichte. Der Roman klingt biografisch, wird aber nie moralisch und lässt  das Leben im Stalinismus nur erahnen. Offensichtlich stützt sich dieser gut recherchierte Roman auf historische Tatsachen, teilweise wohl etwas abgemildert, manchmal ein wenig verklärend, vor allem, was das Leben in Sibirien anbelangt. Das klingt manchmal ein wenig zu sehr nach Lagerfeuer-Romantik. Die Figuren sind interessant, der Plot packend, man bleibt dran, auch weil man viel Neues erfährt über eine Epoche lange vor unserer Zeit. Gusel Jachina ist eine tolle Neuentdeckung, man kann auf weitere Werke von ihr sehr gespannt sein.

„Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina, Aufbau Verlag, 2017.

 

 

 

 

 

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