Nach 15 Monaten Sanierungsarbeiten und einer interimistischen Spielzeit in einem (zugegebenermassen sehr schönen) Saal in der Liebigstrasse, öffnet nun zum Saisonbeginn das Theater Winterthur wieder seine Pforten mit einem Gastspiel des CCN ATERBALLETTO und deren Produktion „Notte Morricone“ in der Inszenierung und Choreographie von MARCOS MORAU mit Live-Musik des MUSIKKOLLEGIUM WINTERTHUR…
Mit gut 15 Minuten Verspätung aufgrund der obligaten, ellenlangen Verdankung an Steuerzahler, Sponsoren, Mitarbeitern und der Politik startet die gut 90 Minuten dauernde Produktion, die im August 2024 seine Outdoor-Premiere am Macerata Opera Festival und kurz darauf im Oktober seine Indoor-Premiere am Teatro di Roma hatte. Nun also zur Wiedereröffnung am Theater Winterthur, dessen Spielplan immer schöne Trouvaillen bereithält und den Besuch lohnt. Auch von Marcos Morau gab es hier bereits Arbeiten zu sehen: „Sonoma“ (La Veronal, 2023) und „Cathedral“ (Ballet Junior de Genève, 2025). „Notte Morricone“ ist ein Stück über Ennio Morricone und dessen Musik, die gemäss Morau den ungesagten Dingen, die sonst im Inneren bleiben, einen Klang geben. „Notte Morricone“ entfaltet sich im Zwielicht einer gewöhnlichen Nacht im Leben eines Künstlers, die Nacht schreitet voran, sein Zuhause verwandelt sich in ein Tonstudio, in ein Kino, zu dem die Menschen kommen, um die Filme zu sehen und die Nacht mit ihnen zu verbringen. So viel zum Inhalt, so viel zur Idee, von der Morau im Programmzettel berichtet. Das Ensemble – eine Vielfalt Alter Egos Morricones – bildet zumeist eine organische Einheit, spaltet sich selten auf und wird zu Individuen, zusätzlich arbeitet Morau noch mit Morricone-Puppen, die dann auch mal im Planwagen (klar, Morricones grösster Erfolg war der Western-Klassiker „Spiel mir das Lied vom Tod“) über die Bühne rollen dürfen. Wir erleben Morricone als einsamen, intellektuellen Künstler und Weltverbesserer, wir erleben sein Ringen, seine Kämpfe, sein Streben um Anerkennung und Wahrhaftigkeit der Filmmusik. Doch all das löst sich nicht wirklich ein, wie bei allen Arbeiten Moraus bleibt die Bühne ausschliesslich im Dunkel, lässt gewisse Dinge nur erahnen, bildet anderes detailverliebt ab, aber nicht nur inhaltlich, auch choreographisch ist das nicht ausreichend für eine abendfüllende Produktion, ist repetitiv und über lange Strecken eintönig. Morricones elegisch-epische Musik steht im krassen Gegensatz zu den oft kantig-abgewinkelten Bewegungsabläufen Moraus, die ich immer wieder grossartig finde, die für mich in dieser Produktion jedoch nicht funktionieren – einzig bei den grossen synchron gearbeiteten Ensembles (auf Stühlen oder in Rollstühlen) ist die kraftvolle Arbeit, die man sonst von ihm gewohnt ist, spürbar. Dazwischen collagiert sind Tonaufnahmen und Wiedergaben von Dankesreden Morricones an Preisverleihungen (Oscars etc.), Statements zu seiner Arbeit und zur Philosophie seines Schaffens. Viel zu häufig gibt es Momente, die einen Schlusspunkt setzen, an denen man erwartet, dass der Abend nun ein Ende findet, nur, um danach doch wieder in neue Bewegungen zu verfallen, die nirgendwo hinführen und nicht enden wollen, es gibt keine Steigerung, keinen dramatischen Höhepunkt. Die Musik Morricones ist natürlich jedem bekannt und braucht eigentlich epische Bilder, auf der beklemmend dunklen Bühne vertanzt funktioniert das für mich nicht und ich stelle mir die berechtigte Frage, wozu das Ganze? Die gross angekündigte Tatsache, dass man sich für eine Umsetzung mit Live-Musik (Musikkollegium Winterthur unter der Leitung von MAURIZIO BILLI) und Live-Gesang (Sopran: FEDERICA CASETI BALUCANI) entschieden hat, ist ganz nett, macht aber diese Produktion nicht besser. Die Standing Ovations beim Schlussapplaus bleiben für mich unverständlich, sind aber wohl der Tatsache geschuldet, dass das Theater nun endlich wieder geöffnet ist. Schade, ich schätze die sonst so kraftvollen, aufwühlenden Arbeiten Moraus sehr – „Notte Morricone“ trifft leider überhaupt nicht meinen Geschmack und hat mich ziemlich gelangweilt zurückgelassen…
Zuletzt besuchte Ballett/Tanz-Produktionen:
Countertime: MacMillan/Marston/Arias – Ballett Zürich 27.06.2025
Autographs: Pite/McGregor/Forsythe – Ballett Zürich 06.06.2025
Seeing Within Sights/TanzLuzern – Luzerner Theater 18.05.2025
Tanzkompanie St. Gallen: ORESTEIA Premiere – Theater St. Gallen 17.04.2025
Lost Letters/Lucia Lacarra – Bayerische Staatsoper München 13.04.2025
Wings of Memory/Bayerisches Staatsballett – Bayerische Staatsoper 12.04.2025
Of Light, Wind and Waters/Ballett Zürich – Oper Zürich 19.01.2025
Ballet Junior de Genève: Morau/van Opstal/Ouramdane – Theater Winterthur 17.01.2025
Tanzkompanie St. Gallen: Moved – Theater St. Gallen 12.01.2025
ging mir aus denselben Gründen sehr ähnlich, habe diese Aufführung kürzlich im Kurtheater Baden gesehen. Hatte mich sehr auf Moraus kraftvolle Gruppenszenen, auf soannungsvolle Überraschungen gefreut, auf seine eigenwillige Lichtregie. War aber auch eher enttäuscht, dem restlichen Publikum hat’s aber anscheinend sehr gefallen.
Aber umso mehr freue ich mich auf die WA von Nachtträume…
LikeGefällt 2 Personen
hey, ja, ich war von allen Produktionen Moraus, die ich bisher gesehen habe sehr angetan, „Nachtträume“ selbstverständlich, was für eine grossartige Produktion und nun dieses Morricone-Dings, ich fand das ziemlich langweilig, aber ich kann mir vorstellen, dass es in Italien gut ankommt, dort ist Morricone ja immer noch ein sehr grosser Star. Naja. Eben, freut man sich eben auf die WA von „Nachtträume“. Amazing production! 🙂 Herzlichst, A.
LikeGefällt 1 Person