Claire Keegans dünne Erzählbändchen sind immer wieder ein Wucht. Meisterhaft sitzt jedes einzelne Wort, sitzt jeder Satz. Unglaublich die Dramatik dieser sehr kleinen Form mit seiner durchscheinenden Klarheit. Auch „Reichlich spät“ ist grossartig, nachhaltig, intensiv, ganz grosse Literatur…
Unabhängig davon, dass die im Steidl Verlag erscheinenden Erzählungen der irischen Autorin ein Muss in jeder Bibliothek sind, sind sie auch noch wunderschön gestaltet und jeder Einband ein Hingucker. Und nach „Das dritte Licht“ und „Kleine Dinge wie diese“ mag man auch diese Erzählung nicht aus der Hand legen.
Freitag, der 29. Juli in Dublin. Das Wetter ist wie vorhergesagt, die Stadt vor Cathals Bürofenster liegt in gleißendem Sonnenschein. Nach einem scheinbar ereignislosen Tag mit Budgetlisten und Bürokaffee nimmt Cathal den Bus nach Hause. Die Landschaft zieht an ihm vorüber, die waldigen Hügel, auf denen er noch nie gewesen ist, und er denkt an Sabine. Die ein bisschen schielt und die gut kochen kann, die auch im Winter barfuß am Strand spazieren geht, die die Hügel besteigt. Die zu viel Geld ausgibt und zu viel Raum einnimmt und zumindest über die Hälfte von allem bestimmen will. Die Frau, mit der er hätte sein Leben verbringen können, wäre er ein anderer Mann gewesen. (Steidl Verlag)
Es sind eben genau die Dinge, die nicht erwähnt werden, die grossen Auslassungen, die Leerstellen, die diesen Text so interessant und kraftvoll machen. Und im Grunde ist es auch traurig, dass Cathal so ist, wie er ist und nicht kann, geprägt durch seine Herkunft, durch seine Familie, durch seinen Vater und all diese alten Muster. Misogynie ist das grosse Thema, die Gedanken Cathals stammen aus einer anderen Zeit. Kein Wunder also, dass passiert, was passiert. Kein Wunder, dass diese Beziehung scheitert, nur scheitern kann. Claire Keegan schafft es auch in „Reichlich spät“ grosse Themen auf wenigen Seiten zu behandeln. Wunderbar ist das.
„Reichlich spät“ von Claire Keegan, 2024, Steidl Verlag, ISBN: 978-3-96999-325-5 (Werbung)
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