Der neue Roman des vietnamesisch-US-amerikanischen Autors und Lyrikers Ocean Vuong – lange erwartet – ist nun endlich im Hanser Verlag erschienen: „Der Kaiser der Freude“. Die Lektüre lohnt sich…
Wir befinden uns in den USA im Jahr 2009, Barrack Obama ist Präsident und bereits damals gab es eine grosse Anzahl Menschen, eine komplette Bevölkerungsschicht, die in prekären Verhältnissen lebt und arbeitet. Dies ist eines der Themen, die den Autor immer wieder umtreibt, nebst Homosexualität, Traumata und seine vietnamesische Herkunft. Solidarität in der Bevölkerung gibt es nicht, nur am Arbeitsplatz erfährt der Protagonist Zusammenhalt, wenn es um den armseligen Mindestlohn und die Arbeitsbedingungen geht. Das Verhältnis zu seiner Mutter ist von Lügen und (En)Täuschungen geprägt, eine Vision für die Zukunft hat die Hauptfigur nicht wirklich. Und dennoch hat dieser Roman – wenn man sich dann erst einmal darauf eingelassen hat – eine wunderbare Leichtigkeit und stellenweise sehr viel Humor.
Der queere Hai, Sohn einer vietnamesischen Mutter, lebt in East Gladness, einem heruntergekommenen Kaff in New England. Auf den Straßen hängen noch die Schilder der Obama-Kampagne »Yes, we can«, doch Hai schluckt Pillen und denkt an Selbstmord. Bis er Grazina aus Litauen kennenlernt, eine Überlebende des Zweiten Weltkriegs, in deren Kopf die unerlösten Geister ihres Lebens schwirren. Hai wird ihr Pfleger und fängt an, in einem Diner zu arbeiten, dessen Belegschaft alles Underdogs sind wie er, die »in dieser angeblich freien Welt aus Arbeit, Schlaf und beschissenen Kuchen gefangen sind.« (Hanser Verlag)
Warum der Roman so penetrant mit Hais Queerness beworben wird, ist für mich ein wenig schleierhaft, denn das ist wirklich nicht das Thema des Romans (einfach eine Facette seines Lebens) und das ist auch gut so, klar liest man zwischen den Zeilen davon, aber der Fokus ist doch wohl eher ein anderer in diesem wunderbar poetischen Roman über Freundschaft und Identität, über die grossen Irrungen und Wirrungen in Familien und über die grosse Suche nach einem guten Weg durch das nicht immer einfache Leben in den USA. In einem Amerika, in dem viele Menschen mehrere Jobs haben (müssen) und doch am Existenzminimum dahinvegetieren. Nun mit Donald Trump ist die Situation wohl noch um einiges verschärfter und schwieriger geworden. Vong schildert das Leben seiner Protagonisten eindringlich und sehr berührend. Diese doch eher ungewöhnliche Freundschaft mit der an Demenz erkrankten achtzigjährigen kriegs-traumatisierten Grazina Vitkus aus Litauen, ist glaubhaft, ebenso der explizit geschilderte Arbeitsalltag im Diner. Einen klassischen Handlungsbogen, einen Konflikt, eine sich aufbauende Spannung gibt es nicht, der Roman lebt schlicht und ergreifend von der atmosphärischen Erzählweise und einer ganz eigenen Poesie, oftmals hört man dann eben auch den Lyriker Ocean Vuong – auch wenn ich manchmal einige der verwendeten Metaphern und Formulierungen ein wenig schwülstig finde, das mag aber auch an der Übersetzung liegen. Wie bereits sein erster Roman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ ist auch „Der Kaiser der Freude“ ein Roman, den man dennoch gelesen haben sollte.
„Der Kaiser der Freude“ von Ocean Vuong, 2025, Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-28370-1 (Werbung)
Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Hanser Verlag sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.
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Das nehme ich glatt als Lesetipp entgegen. Etwas in der Art suche ich eigentlich schon seit längerer Zeit. Danke.
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