Der neue Roman „Das grosse Spiel“ des amerikanischen Autors Richard Powers ist ein grossartiges, vielschichtiges Werk: voller Leidenschaft für das Thema – in diesem Fall die Tiefen der Ozeane unseres Planeten. Es ist über weite Strecken ein sehr poetischer, wunderschöner Text, er erzählt von Freundschaften und Visionen, von Technik-Gläubigkeit, übt aber auch berechtigte Kolonialismus- und vor allem Kapitalismus-Kritik. Unbedingt lesenswert!
Richard Powers ist ein vielfach preisgekrönter und ausgezeichneter Autor, ich habe schon länger nichts mehr von ihm gelesen, umso grösser die Freude, dass sein neues Werk „Das grosse Spiel“ die Lektüre lohnt. Während man zu Beginn noch etwas abwartend ist, sich fragt, wohin diese Reise führen mag, wo und wann diese Fäden zusammenlaufen, möchte man das Buch später gar nicht mehr weglegen und ist hingerissen von diesen unglaublich poetischen Beschreibungen der Ozeane und seiner Bewohner. Hier spürt man die Liebe des Autors zum Thema, zu seinem fundierten Wissen, das liegt biographisch nahe: Powers hat ursprünglich Physik studiert, bevor er zu den Literaturwissenschaften wechselte und wollte eigentlich Meereskundler werden. Und diese grosse Liebe zu den Tiefen der Ozeane spürt man auf jeder Seite des Romans, man erfährt unglaublich viel über die Schönheit dieser noch fast unentdeckten Welten der Tiefsee, etwa über das grosse Phänomen der Luminiszenz und über die Südsee und deren Bewohner:innen.
Auf Makatea, einst ein vergessener Fleck im endlos blauen Pazifik, soll die Gesellschaft der Zukunft entstehen. Über Umwege und Gezeiten finden auf der Insel vier Menschen zusammen, deren Schicksale nachhaltig mit dem des Planeten verknüpft sind: Evelyne Beaulieu, die in den Tiefen des Ozeans taucht, um das geheimnisvolle Spiel der Riesenmanta zu entziffern. Ina Aroita, die die paradiesischen Strände nach Materialien für ihre Skulpturen abwandert – doch schon lange schwemmt das Meer nur noch Plastikmüll an. Und der verträumte Büchernarr Rafi Young und der visionäre Computernerd Todd Keane, deren Freundschaft an dem kühnen Versuch zu zerbrechen droht, eine neue Welt zu erschaffen, um sich vor dem Untergang der jetzigen zu retten. (Penguin Verlag)
Die Biographie der Figur Evelyne Beaulieus basiert auf dem Leben von Dr. Sylvia Earle und überhaupt hat man das Gefühl, einige Parallelen zu lebenden Personen bei den weiteren Protagonisten und deren Unternehmen zu erkennen. Das macht diesen wunderbaren Text umso authentischer. Gleichzeitig sorgt man sich, dass die Menschheit gerade auf dem besten Wege ist, all diese Schönheit des Meeres unwiederbringlich zu zerstören. Der Roman ist interessant konstruiert, spiegelt unsere aktuelle Gesellschaft wieder, ist in gewisser Weise politisch und hat dennoch bei all der Wissenschaft so viel Poesie und Schönheit (wie etwa die ausführliche Beschreibung eines Tauchganges im tausend Meilen nördlich von Neuguinea gelegenen Truk-Atoll, wo eine der grössten Schlachten des Pazifikkriegs stattfand und unzähliges Kriegsgerät in den Tiefen liegt…). Ich finde den Roman ungewöhnlich, aber auch sehr typisch für Richard Powers, der in all seinen Werken naturwissenschaftliche und philosophische Themen literarisch verarbeitet. Lesen und Staunen!
„Das grosse Spiel“ von Richard Powers, 2024, Penguin Randomhouse Verlagsgruppe, ISBN: 978-3-328-60371-9 (Werbung)
Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich bei der Penguin Randomhouse Verlagsgruppe sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.
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Ich war auch hin und weg von Powers neuem Roman, definitiv eines meiner Lieblingsbücher des Jahres. Mich beschäftigt noch immer das Ende. Viele Grüße
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Ja, ich finde diesen Text aussergewöhnlich und so poetisch, das hat mich stellenweise sehr berührt, diese Liebe zu den Geschöpfen des Meeres, habe jetzt gerade nach Deinem Kommentar den Schluss nochmals gelesen…… ein wirklich grosser Roman. Herzlichst aus Zürich. A.
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