Joana Mallwitz: Dessner/Mahler – Tonhalle Zürich 05.07.2024

Was für ein grossartiges Finale dieser Saison in der Tonhalle Zürich. Selten habe ich so einen tollen und differenzierten Mahler gehört und schon lange nicht mehr ein derartig begeistertes Publikum erlebt: JOANA MALLWITZ – endlich in Zürich zu hören mit der Schweizer Erstaufführung von Bryce Dessners Violinkonzert (von 2021) mit dem grossartigen PEKKA KUUSISTO und Mahlers 1. Sinfonie – was für ein Ereignis… ich bin geflashed!

Das Konzert beginnt mit dem absolut charismatischen Pekka Kuusisto (zuletzt gehört in der Tonhalle 2019 mit den Humoresken von Sibelius), der mit seiner Präsenz und seinem virtuosen Spiel diese Schweizer Erstaufführung zu einem Erlebnis macht, Mallwitz dirigiert mit äusserster Präzision, bleibt aber überwiegend im Hintergrund, der Fokus liegt auf dem Solisten und der immer wieder wundervollen Musik Bryce Dessners, der in dieser nun zu Ende gehenden Saison den Creative Chair innehatte. Bleibt zu hoffen, dass sein spannendes Werk auch weiterhin im Spielplan des Tonhalle Orchesters zu finden sein wird. Kuusisto, dem dieses Werk gewidmet ist, macht es sich auch komplett zu eigen, verinnerlicht es zutiefst, man kann den Blick von seinem Spiel und von ihm nicht wenden. Obwohl in drei Sätze gegliedert, wird dieses Solokonzert durchgespielt. Einmal mehr erzeugt die Instrumentierung und die vielen stark rhythmischen Teile in Dessners Musik eine immense Spannung – die Werke Dessners sind jedes Mal aufs Neue ein Erlebnis.

Bryce Dessner: Violinkonzert – Schweizer Erstaufführung / Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 1 D-Dur

Nach der Pause dann das alles überragende Dirigat von Mallwitz – einen derart spannenden Mahler habe ich schon so lange nicht mehr gehört. Mahler, mir eigentlich seit langer Zeit vergällt, weil zu oft und überall und häufig weichgespült mit zu viel Pathos in den Konzertsälen zu hören. Nun das absolute Gegenteil, eine erste Sinfonie Mahlers – mit messerscharfen Konturen bis hin zu samtig-weichen Naturklängen („wie ein Naturlauf“ im 1. Satz), niemals schleppend, immer hochkonzentriert sowohl auf dem Podest, als auch im Saal und Mallwitz sowieso – grossartig ihr zuzusehen, diese Leidenschaft, dieses Feuer, diese Präzision und Freude, dieser spürbare Kontakt zu den einzelnen Instrumentengruppen, zu den Solisten, zum ganzen Orchester. Mallwitz hat einen Plan für jeden der vier Sätze und diesen zieht sie durch, straff und voller Energie. Das Orchester ist gefordert, doch das lohnt sich über alle Maßen, denn einmal mehr war überdeutlich zu hören und das ist an diesem denkwürdigen Abend natürlich Mallwitz zu verdanken, was für ein grossartiges Orchester wir hier in Zürich haben, was für punktgenaue und präzise Einsätze der Solisten, man hatte fast das Gefühl, sie alle wollen es Joana Mallwitz recht machen. Kein Wunder gibt es am Schluss – nach einem fulminant stürmischen Finale – langanhaltende Standing Ovations und Bravos wie schon lange nicht mehr. in diesem Saal. Wohlverdient. Fast wie berauscht verlasse ich das Konzert. Was für ein grossartiges Debüt von Joana Mallwitz am Pult des Tonhalle Orchesters, was für ein Saisonfinale. Ich bin begeistert.

Zuletzt besuchte Konzerte:

Herbert Blomstedt: Mozart – Tonhalle Zürich 20.6.2024

Achberger/Ensemble Opera Nova: Ives/Nancarrow/Carter/Crumb/Cage/Adams – Studiobühne Opernhaus Zürich 21.03.2024

Järvi/Gabetta: Saint-Saëns/Sibelius – Tonhalle Zürich 15.03.2024

Järvi/Apkalna: Poulenc/Fauré – Tonhalle Zürich 08.03.2024

Jordan/Kampe: Schumann/Wagner – Tonhalle Zürich 24.01.2024

Nagano/Ott/Eriksmoen: Ives/Dessner/Mahler – Tonhalle Zürich 18.01.2024

Albrecht/Helmchen: Beethoven/Strauss – Oper Zürich 17.12.2023

16 Kommentare

  1. arnoldnuremberg

    Hallo Adrian,

    freue mich über Deine musikalische Begeisterung in der Konzertbesprechung. Hier in Nürnberg wurde Joana Mallwitz überaus geschätzt. Dass sie nach Berlin weitergezogen ist, mag wohl unter anderem daran gelegen haben, dass das Opernhaus in Nürnberg voll renovierungsbedürftig ist, und die bisherigen Vorhaben für eine ersatzweise Spielstätte in den Sternen stehen.

    Danke, Wünsche und Grüße von Bernd

    Gefällt 1 Person

    1. arcimboldis_world

      Lieber Bernd, schön von Dir zu lesen, ja, ich weiss, dass J. Mallwitz vorher in Nürnberg war, ich verfolge ja Immer noch, was in meiner Heimat so alles passiert, auch wenn es unsagbar lange her ist, seit ich Nürnberg verlassen habe. Wann soll denn das Haus renoviert werden? viele Grüsse aus Zürich! A.

      Gefällt 1 Person

  2. arnoldnuremberg

    Lieber Adrian,

    Deine Frage, wann das Nürnberger Opernhaus renoviert werden wird, steht, wie zuvor geschrieben, in den Sternen. Weder ich als Laie noch die verantwortlichen Akteure können dies aktuell beantworten.

    Nach dem Wechsel von Joana Mallwitz gab es am Staatstheater leider auch noch weitere prominente Abschiede. Dies muss nicht, könnte doch teilweise mit den betreffenden Perspektiven zu tun haben.

    Zuletzt hat auch in Nürnberg für Aufmerksamkeit und Zweifel gesorgt, dass die Bayerische Staatsregierung ihre früheren Zusagen für ein neues Konzerthaus In München halbiert hat. Ähnliches ist bei den klammen Kassen von Land, Bund und Stadt auch hier zu erwarten oder befürchten.

    Jedenfalls freut es mich, dass Du die Geschicke in der „alten Heimat“ interessiert verfolgst. Möge es in Züri, z’Bern, Luzern ein bissel besser gehen. Gute Wünsche Dir dorthin.

    Selber freue ich mich auf das kommende Bardentreffen, das auch auf der Sparliste stand, vom 26. bis 28. Juli in Nürnberg.

    Herzliche Grüße

    Bernd

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse eine Antwort zu arcimboldis_world Antwort abbrechen