Buch-Klassiker des 18. Jahrhunderts #2 – „Vernunft und Gefühl“ von Jane Austen.

Seit Jahren habe ich immer wieder den Vorsatz, mehr Klassiker und hier vor allem endlich die Romane von JANE AUSTEN zu lesen. Dutzende (Neu-)Verfilmungen (die ich alle nicht gesehen habe…) waren jeweils ein guter Reminder, dies auch endlich zu tun. Zum 250. Geburtstag Jane Austens im Dezember 2025 gab es eine schöne Neuauflage beim Manesse Verlag und nun endlich starte ich meine Austen-Lesereihe mit „Vernunft und Gefühl“, ihrem ersten grossen Roman und finde es bereits nach wenigen Seiten wunderbar…

„Vernunft und Gefühl“ (im Original „Sense and Sensibility“, manchmal auch übersetzt mit „Sinn und Sinnlichkeit“) erzählt das Leben zweier ungleicher Schwestern: die eine mit praller und temperamentvoller Lebenslust, die andere – beherrscht, rational, vernünftig. Doch so unterschiedlich die beiden Schwester auch sind, die Familie bleibt immer das einzig wahre und verbindende Element.

Marianne Dashwood ist das genaue Gegenteil von Elinor, ihrer älteren Schwester. Und so stürzt sie sich nach dem Tod ihres Vaters kopflos in eine Romanze mit dem Frauenschwarm John Willoughby – um bitter enttäuscht zu werden. Als auch Elinor entdeckt, dass sie von dem Mann ihres Herzens hintergangen wurde, müssen die ungleichen Schwestern lernen, dass sie den Weg zu wahrer Liebe und innerer Erfüllung nur mithilfe der jeweils anderen finden können … (Manesse Verlag)

Jane Austens Romandebüt besticht durch absolut treffende Charakterzeichnungen und virtuose Dialoge. Ihr geht es in diesem Werk um das Verhältnis von Ratio und Emotion und die Selbsterkenntnis als Grundlage einer funktionierenden Beziehung. Zudem liest man immer wieder ironische Bemerkungen, die fast schon modern wirken, jedenfalls nicht unbedingt aus der heutigen Zeit gefallen. Als heutiger Leser kann man viele Dinge nicht mehr nachvollziehen und auf vielen Seiten markiere ich unglaubliche Feststellungen und Dialoge, etwa, wenn ihr Bruder im Gespräch mit Elinor über die gemeinsame Schwester Marianne spricht: „…In ihrem Alter zerstört jede Art von Krankheit die jugendliche Frische für immer. Bei ihr hat sie sich nicht lange gehalten… Ich frage mich, ob Marianne jetzt noch einen Mann mit mehr als fünf- oder bestenfalls sechshundert im Jahr findet…“. Es geht ihm nie um das Wohl der Schwestern, der Mutter, es geht ihm nur um Geld und Stellung. Und letztendlich ist man fast ein wenig fassungslos, wenn man liest dass Miss Morton nun statt des älteren, den jüngeren Bruder heiraten soll, weil der geplante Gatte mit seiner Geliebten von der Mutter verstossen wurde „Natürlich, da ist kein Unterschied, denn Robert gilt jetzt sozusagen als der älteste Sohn – und ansonsten sind sie beide sehr liebenswürdige junge Männer, ich wüsste nicht, warum der eine besser sein sollte als der andere“. Frauen waren zu jener Zeit ein frei zu handelndes und austauschbares Gut, egal ob sie nun diesen oder jenen Mann heiraten werden, Liebe spielte keine Rolle, die Übertragung des Familienerbes hatte immer oberste Priorität Es ging um die gesellschaftliche Rangordnung und um eine möglichst gute Heirat. Und obwohl der Roman das Leben der Frauen zu jener Zeit alles andere als hoffnungsvoll und erstrebenswert schildert, teilweise seitens der Autorin kritisch betrachtet wird, bleibt dieser erste grosse Roman Janes Austens positiv, lebensfroh und macht grosse Lust auf die weiteren Werke…

„Vernunft und Gefühl“ von Jane Austen, 2025, Jubiläumsausgabe zum 250. Geburtstag, Manesse, ISBN: 978-3-7175-2584-4 (Werbung)

Zuletzt gelesen:

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