Scylla et Glaucus – Oper Zürich 31.03.2026

Den Abschluss der ersten Ausgabe des Festivals „Zürich Barock“ bildet eine Rarität, eine Ausgrabung, die lange Zeit nicht zu sehen oder zu hören war und nun in einer sehr geglückten Umsetzung durch Regisseur CLAUS GUTH an der Oper Zürich zu sehen ist. Musikalisch absolut fulminant – am Pult steht die – für dieses Repertoire ausgewiesene Expertin EMMANUELLE HAIM – der man in Zürich schon viele grossartige Vorstellungen zu verdanken hat, mit ihrem Orchester LE CONCERT D’ASTRÉE. Ein absolut lohnender Besuch…- wer weiss, wann und wo man diese Oper nochmals zu sehen bekommt…

Regisseur CLAUS GUTH hat kein Vertrauen in die griechische Mythologie, in die Geschichte einer Nymphe, die zuletzt als sechsköpfiges Seeungeheuer im Meer landet – was irgendwie auch reizvoll gewesen wäre, aber natürlich etwas komplett anderes ist – und verlegt die Geschichte in ein (gemischtes) Internat, in das „Lycée Jean-Marie Leclair“ (gute Entscheidung!). Wir folgen gebannt dem Erwachen der Liebe, der erwachenden Sexualität und sehen sämtliche Neurosen pubertierender Schüler:innen, das ist kurzweilig, unterhaltsam und erzählt die Geschichte absolut plausibel, nur eben ohne das sechsköpfige Seeungeheuer (was ich in der Umsetzung auch cool gefunden hätte!). ETIENNE PLUSS hat hierfür ein grossartigers Bühnenbild geschaffen, angefangen von der Bibliothek, über das Klassenzimmer, bis hin zur Sporthalle samt Umkleideraum und Dusche – der ideale Ort für Circé (die ihren weissen Bademantel leicht öffnet), um den vom Sport verschwitzen Glaucus anzubaggern – ja, so läuft das! Glaucus als pupertierender Schüler, umgarnt und umflirtet von vielen Schülerinnen und Lehrkörper! – zunächst etwas hin- und hergeworfen – entscheidet sich für Scylla und die Rache Circés nimmt ihren Lauf. Statt sich in ein Seeungeheuer zu verwandeln, erleidet Scylla zuletzt einen Vergiftungstod durch den Wasserspender. Das ist soweit alles nachvollziehbar, stellenweise etwas plakativ (aber so läuft es eben!), jedoch schafft Guth es immer wieder – und dafür ist er ja auch bestens bekannt – in die tieferen Schichten der Psyche seiner Protagonisten vorzudringen, diese offenzulegen und manchmal auch schamlos blosszustellen. Dabei werden sie häufig von den Tänzer:innen PIETRO CONO, EMMA BAS GONZÁLES, SARA PENA und MAREN KATHRIN SAUER gedoppelt, das fügt sich wunderbar in die Handlung ein, verstärkt sie, wirkt niemals gewollt oder gar aufdringlich. Musikalisch steht Guth ein hervorragend besetztes Ensemble zur Verfügung: CHIARA SKERATH als Circé zeigt eine immense Bandbreite sowohl darstellerisch als auch musikalisch, ihr Sopran mit eher dunkler Färbung gefällt mir ausnehmend gut, ich mag ihre Energie und ihre feinen Nuancen. Glaubwürdig auch ANTHONY GREGORY als Glaucus mit seinem immer kraftvoll klingenden lyrischen Tenor, als Typ etwas blass, man fragt sich, was Circé an ihm findet, denn eigentlich passt er schon am besten zu Scylla, die für mich ebenfalls etwas bieder daherkommt, zu Beginn ein wenig wie die Unschuld vom Lande, aber dann absolut glaubwürdig, wenn die Liebe erwacht, ihr Begehren sichtbar wird – absolut glaubhaft ist sie hingerissen zwischen ihren Gefühlen und dem Drang diesen für sie neuen Gefühlen, diesem Begehren zu widerstehen: ELSA BENOIT debütiert nicht nur am Opernhaus Zürich, sondern wie die komplette Besetzung in ihren jeweiligen Rollen, denn diese (einzige) Oper Leclairs ist alles andere als präsent im Repertoire, war zuletzt vor mehr als 40 Jahren auf einer Bühne zu sehen, wurde Ende der 70er Jahre überhaupt erst wiederentdeckt. EMMANUELLE HAIM und ihrem Orchester LE CONCERT D’ASTRÉE ist es nun zu verdanken, dass wir im Rahmen des neuen Festivals ZÜRICH BAROCK in den Genuss dieser Aufführungsserie kommen. Interessant, wie modern diese Musik klingt, nicht zu vergleichen mit dem ebenfalls im Festival gezeigten „Giulio Cesare in Egitto“ mit den omnipräsenten Countertenören, nichts davon hört man nun bei Leclair, während Händel immer sehr expressiv und „full on“ tönt, hat man nun bei Leclair eher das Gefühl einer gewissen virtuosen, zurückhaltenden Eleganz zu begegnen und natürlich immer wieder Zwischenspiele und Tanzmusiken, die aber durch die Dirigentin ziemlich zusammengestrichen wurden, so dass mit gut zweieinhalb Stunden Aufführungsdauer (inkl. Pause), die Produktion auch nicht allzu lange dauert. Nach wie vor bleibt natürlich die Frage, ob es diese Entdeckung und dieses Festival grundsätzlich braucht. Einerseits sieht man mal etwas anderes, als die üblichen Barockopern, die sich mittlerweile im Repertoire einen festen Platz erobert haben, andererseits frage ich mich schon, ob es nebst vielen seit Jahren renommierten Festivals für alte Musik/Barockfestivals nun auch noch dieses an der Oper Zürich braucht. Über mangelnde Besucher kann man sich hier trotz sehr hoher Eintrittspreise jedenfalls nicht beklagen, Geld ist vorhanden, neue und junge Besuchergruppen erschliesst man sich dadurch wohl eher weniger, das wäre aber wünschenswert. So bleibt diese Barockwoche, die man wohl auch kommende Saison wieder erwarten darf, wohl ein eher elitäres Festival mit grossen Namen. Ob sich „Scylla et Glaucus“ im Repertoire halten wird, wage ich zu bezweifeln, sehenswert ist die Umsetzung von Claus Guth aber unbedingt, alleine schon wegen des wohlklingenden „Gast“Chores, denn anders als der Hauschor (der zur Zeit mit Gianandrea Noseda und Verdis „Messa da Requiem“ auf Tournee ist), ist die dafür engagierte ZÜRCHER SING-AKADEMIE (Einstudierung: ALICE LAPASIN ZORZIT/RICHARD WILBERFORCE) viel agiler und weniger steif als der Zürcher Opernchor, setzt mühelos die von SOMMER ULRICKSON choreografierten Nummern um und ist omnipräsent und spielfreudig, nebst den musikalischen Qualitäten. Auch in den kleineren und manchmal wohl auch etwas undankbaren Rollen gibt es einiges Schönes zu hören und zu entdecken: JEHANNE AMZAL als Dorine, GWENDOLINE BLONDEEL als Témire, DANIEL BRANT als ein Hirte, PETER STRÖMBERG als ein Waldgeist, EKKEHARD ABELE als Hécate und immer wieder durch die Szenerie geisternd PIROSKA NYFFENEGGER als Amor. Das wichtigste an diesem Abend aber überhaupt: das Orchester unter Emmanuelle Haim spielt ganz wunderbar und filigran diese (mir jedenfalls vorher) unbekannte Musik, von der es erstaunlicherweise mehrere Aufnahmen gibt. Interessant diese selten zu hörende Instrumentierung mit der einem Dudelsack ähnlichen französischen Sackpfeife und der absolute Hingucker ist natürlich das Schlagwerk mit Windmaschine und Donnerblech, das hier sehr häufig zum Einsatz kommt. Und Emmanuelle Haim selbst ist auch immer wieder ein Blickfang, wunderbar wie energetisch sie dirigiert und Sänger:innen und Orchester zusammenhält. Ich glaube das ist ihre grosse Fähigkeit, diese alte Musik so lebendig und ausdrucksstark zu gestalten, rhythmisch immer präzise und auf dem Punkt. Erwähnenswert sind unbedingt noch die schönen Kostüme von URSULA KUDMA, egal ob alle in Schuluniformen oder Sportkleidung oder zuletzt in den Ballkleidern stecken, das wirkt nie wie ein konstruiertes, entworfenes Kostümbild, das sieht immer authentisch und glaubwürdig aus – I love it! Anfang April veröffentlicht die Oper Zürich ihre Spielplanvorschau für 2026/2027 – man darf also sehr gespannt auf die Planung des nächsten Barock Festivals blicken, welche Preziosen man wohl im kommenden Jahr ausgraben wird…

Whats next? – „Monsters Paradise“ von Olga Neuwirth an der Oper Zürich und „Fin de Partie“ von György Kurtag am Theater Basel.

Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:

551: Giulio Cesare in Egitto – Oper Zürich 17.03.2026

550: Cardillac – Oper Zürich 21.02.2026

549: Cardillac – Oper Zürich 18.02.2026

548: Sillons de Mémoires – Oper Zürich Studiobühne 06.02.2026

547: Carmen – Oper Zürich 21.01.2026

546: Barbe-Bleue – Opéra de Lausanne 31.12.2025

545: Die Fledermaus – Oper Zürich 10.12.2025

544: La forza del Destino – Oper Zürich 26.11.2025

543: Hänsel und Gretel – Oper Zürich 20.11.2025

542: El Barberillo de Lavapiés – Theater Basel 05.11.2025

541: Pélleas & Mélisande – Grand Théâtre de Genève 02.11.2025

540: Der Rosenkavalier – Oper Zürich 01.10.2025

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