Inkeri Markkulas Roman „Wo das Eis niemals schmilzt“ (erschienen Herbst 2025 im mare Verlag) ist eine wundersame Entdeckung voller Poesie und leise Töne. Als Leser betritt man fremde Welten, fühlt sich gleichzeitig wohl und heimelig. Was für ein schöner und berührender Text…!
Es sind grosse Themen, die Inkeri Markkula in diesem Roman verhandelt und doch liest sich „Wo das Eis niemals schmilzt“ leise, berührend, eindringlich, macht nachdenklich und so ganz nebenbei lernt man auch noch allerlei. Im Fokus stehen die grossen Themen Herkunft und Identität und natürlich auch das grosse Unrecht, dass über die Grenzen hinweg von vielen Staaten den indigenen Völkern angetan wurde und wird, egal ob in Kanada oder in Finnland. Das macht sehr betroffen und stellenweise sogar fassungslos. Irgendwie weiss und wusste man all das und doch ist man schockiert, dies in dieser Deutlichkeit zu lesen.
Mal ist es ein Rieseln, dann ein leises Heulen, das über den mächtigen Gletscher hallt. Sein Gesang verrät Unni, wo das immer mehr werdende Schmelzwasser einen Weg ins Innerste des Eises findet. Die Forschung hat die Glaziologin zurück nach Kanada geführt, aber es gibt noch einen weiteren Grund: Jon, mit den dunklen Augen und dem verlorenen Blick, dem sie bei ihrem letzten Besuch auf der Baffininsel nahekam, bevor sich ihre Wege wieder trennten. Jon, der hierhergereist war, um die Leerstellen in seiner Biografie zu füllen. Unnis Suche nach Jon führt sie auch in ihre eigene Vergangenheit, zu den magischen Sommern, die sie mit ihrem samischen Vater in Lappland verbrachte, und dem bitteren Alltag in einem Dorf bei Helsinki. Und schließlich bis zu einer jungen Frau, die dreißig Jahre zuvor dem Gletscher lauschte und für das Kind in ihrem Bauch eine dunkle Zukunft vorausahnte. (mare Verlag)
Ich muss ganz ehrlich sagen, dass dieser Roman auch leicht ins Kitschige hätte abgleiten können, die Autorin schafft jedoch diese Gratwanderung an ausbalancierten Emotionen. Und so berührt mich dieser Roman sehr und vor allem mehr als erwartet. Natürlich ist es diese sanfte und leise Liebesgeschichte, aber vor allem auch der historische Hintergrund, verknüpft mit aktuellem Zeigeschehen und historischer Aufarbeitung und diese ganz wundersam zarte Poesie, die über dem ganzen Text liegt. Sehr zu empfehlen!
„Wo das Eis niemals schmilzt“ von Inkeri Markkula, 2025, mare Verlag, ISBN: ISBN: 978-3-86648-742-0 (Werbung)
Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich bei sehr herzlich beim mare Verlag bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.
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