Ein sehr spezieller Stoff mit wuchtiger und spannungsgeladener Musik in einem opulenten Setting: Die Oper Zürich zeigt Paul Hindemiths Oper „Cardillac“ (in der ersten Fassung von 1926) in der Regie von KORNÉL MUNDRUCZÓ, in fabelhafter Besetzung und mit FABIO LUISI am Pult des Orchesters der Oper Zürich…
In den 20er Jahren entstanden, ist es schwierig, dieses Werk irgendwo einzuordnen, Hindemiths Musik klingt ziemlich modern, aber nicht atonal, das Libretto (von Ferdinand Lion nach „Das Fräulein von Scuderi“ von E.T.A. Hoffmann) ist – gelinde gesagt – ein wenig hausbacken, umso mehr, hat der Regisseur die Handlung in die heutige Zeit verlegt. Im Grunde genommen handelt es sich um eine Kriminalgeschichte, die original im Paris der 1680er Jahre spielt. Eine Mordserie erschüttert die Stadt, sämtliche Opfer hatten Schmuck beim Goldschmied Cardillac gekauft. Mundruczó verlegt das Stück ins Hier und Jetzt und so befindet sich seine Werkstatt im Hinterzimmer seines Ladens „Luxury C Jewels“ in einer grossen Shopping-Mall, hier wird geklotzt und nicht gekleckert, alles ist ein wenig OTT und Donald Trump lässt wohl auch grüssen, so golden wie hier alles glänzt. Der Chor hat viel zu tun und schleppt tonnenweise Tüten von Gucci bis Versace hin und her, die Gesellschaft befindet sich im absoluten Konsumrausch. Soweit so gut. Doch wie kann es sein, dass die Dame und der Kavalier ihr Date im Shoppingcenter haben, nachdem sämtliche Shops ihr Ladengitter runtergelassen haben – bleibt die Shopping-Mall über Nacht geöffnet? Das erscheint mir irgendwie unsinnig, ebenso wie mir in diesem Dubai-Ambiente das Libretto ziemlich alt und seltsam vorkommt. Das geht für mich nicht gut zusammen. Und warum fällt die Tochter vor dem Vater auf die Knie, umarmt seine Beine, das ist auch ein uralter Opern-Gestus und total lächerlich in diesem Setting. Doch trotz einiger Regie-Plattitüden und grossem Getue ist dies ein spannender Abend, ein Thriller, der manchmal atemlos dahin hechelt. Der Chor ist hervorragend einstudiert (KLAAS-JAN DE GROOT, der neue Chorleiter ist eine absolute Bereicherung für das Haus!), immer auf dem Punkt und neigt wie so oft zum schrägen Overacting. Und etwas schmunzeln musste ich schon, dass Cardillac bei seinen Morden ausgerechnet die Maske von Fantômas trägt, denn sofort hat man die olle Film-Klamotte aus den 60ern mit Louis de Funès und Jean Marais vor Augen. Und etwas plakativ, aber natürlich ein tolles Bild, wenn der komplette Chor, die potentielle Kundschaft quasi, dann ebenso mit diesen Masken auftaucht – klares Statement: Wir sind alle (Mit-)Täter. Wunderbar filigran tönt diese Partitur, die man viel zu selten in den Opernhäusern zu hören bekommt, für mich ist es die erste „Cardillac“-Vorstellung, einzig den Einakter „Hin und Zurück“ habe ich bisher von Hindemith gesehen (1993, Marstall, Bayerische Staatsoper München). FABIO LUISIs Dirigat ist forsch und treibt die Handlung voran, dennoch gibt es auch viele feinsinnige Momente in dieser grossenteils sehr aufwühlenden, häufig sehr lauten Musik, wunderbar sind die reinen Orchester-Passagen, wenn die Stimmen schweigen oder die komplett stillen Momente, hier kann man sich ganz fallenlassen und den Augenblick geniessen und etwas innehalten. GÁBOR BRETZ ist ein getriebener Cardillac, der diesen Drang, dieses Begehren, seine Schmuckstücke immer wieder zurückzuholen, wohl nur durch übermässigen Alkoholkonsum etwas dämpfen kann. Stark und prägnant ist seine Stimme und sein Spiel und so hat man bis zuletzt grosse Freude an diesem wirklich tollen Bass-Bariton. Und wie schön, ist MICHAEL LAURENZ (Der Offizier) wieder einmal an der Oper Zürich zu sehen und zu hören. ANETT FRISCH als Cardillacs Tochter ist selbstbewusst, stark, weiss, was sie will, umso unverständlicher der Kniefall vor dem Vater. Die komplette Besetzung dieser Produktion debütiert in ihren Rollen und bietet wunderbare Stimmen und Rollenprofile: STANISLAV VOROBYOV als Goldhändler, DOROTTYA LÁNG als die Dame, SEBASTIAN KOHLHEPP als der Kavalier, BRENT MICHAEL SMITH als der Führer der Prévôte (hier als Leiter des Sicherheitsdienstes des Einkaufszentrums) und in stummer Rolle als König STANISLAV HNAT (manchmal kann ich diese tuntigen Persiflagen nicht mehr ertragen…. – was soll das?). Die erste Pause bereits nach 30 Minuten, im zweiten Teil eine kleine Umbaupause und bis man sich versieht, ist dieser temporeiche Abend vorüber. Und was bleibt haften? Sicherlich diese detailgenaue, grossartige Ausstattung von MONIKA KORPA , sehr schöne Stimmen, diese treibende, aufregende Musik. Und doch irgendwo auch die Frage, ob es das nun war? Was ist die Quintessenz des Werkes? Loslassen? Konsumkritik? Wohl von allem ein bisschen. Egal. Am besten man sieht es sich nochmals an…
Whats next? – „Cardillac“ von Paul Hindemith am 21.2.26, denn einmal ist keinmal und wer weiss, wann man nochmals die Möglichkeit hat, dieses Stück auf einer Bühne zu sehen.
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