3 Schwestern – Schauspielhaus Zürich Pfauen 29.01.2026

Thank God! Es ist nicht wirklich eine Tschechow-Überschreibung – Ich finde diese Überschreibungen zumeist nervig und überbewertet! – sondern einfach ein weiteres Stück mit 3 Schwestern als Dreh- und Angelpunkt für einen grossartigen Text von BARBI MARKOVIĆ, einem Auftragswerk für das Schauspielhaus Zürich in ziemlich gelungener Umsetzung von Regisseurin CHRISTINA TSCHARYISKI und ihrem Team und für mich nach „Il Gattopardo“ und „Hekabe“ nun schon die dritte absolut sehenswerte Produktion des Schauspielhaues Zürich innerhalb eines Monats… unbedingt Hingehen!

Sowohl im Foyer als auch dann beim Einlass in den Saal kann man sich via QR-Code einklinken in die kommenden Chatverläufe der drei Schwester auf WhatsApp, eine nette Idee, an der man aber während des Abends schnell die Lust verliert, man gewinnt nichts dadurch, verpasst aber auch nichts, wenn man das Handy dann schnell wieder in die Hosentasche steckt, notfalls kann man mal schnell beim Nachbarn in der Sitzreihe schauen, aber man bekommt auch alles mit ohne das nervig leuchtende Display. Viel spannender sind nämlich diese drei furiosen Schwestern, die natürlich sofort an die Nornen in Wagners Götterdämmerung denken lassen, die ihr Seil spinnen, bis es reisst. Und genau diese Assoziation hat man dann auch, wenn sie mit ihren langen Haaren aneinandergekettet durch das Bühnenbild ihrer Wohnung rocken. Denn zunächst entpuppt sich die QR-Code-Projektion als Grundfläche und Draufsicht ihrer Wohnung in Wien, hier liegen sie und reden und hören bis zum Ende auch nicht auf, ein einziger fiebriger Redefluss, ein Text, der uns so viel mehr erzählt, als nur das Leben und die Träume der drei Schwestern. Die Therme der Wohnung explodiert und so geistern sie weiterhin unsichtbar durch ihre Wohnung, bis ein neuer Gast einzieht – die sehr esoterische Psychologin Evelyn Glanzl (KARIN PFAMMATTER). Und so abstrus das zunächst klingt, so (wahn-)witzig und rasend schnell jagt man durch die 100 Minuten atemloser Dialoge, Monologe und Gedanken. Das ist atemberaubend und dennoch lässt dieser Text sich ebenso viel Zeit und Raum, sich bestimmten Themen etwas inniger zu widmen. Zudem hat es so viele grossartige Momente, wie etwa die Aufzählung der Trio-Einkäufe der neuen Bewohnerin, die sich ganz der Wissenschaften um die Zahl Drei verschrieben hat und deshalb nur entsprechenden Produkte kauft und mit zwei grossen Tüten bepackt die Wohnung betritt. KARIN PFAMMATTER ist (wie immer) grandios und für mich eines der Highlights in dieser Produktion, alleine wegen dieses Einkaufsmonologs lohnt sich der Vorstellungsbesuch, aber auch all die Momente, wenn sie von Kristallen, Steinen und deren Wirkung erzählt oder wenn das Verhältnis zu ihrer Mutter thematisiert wird. Überhaupt gibt es wohl niemanden im Saal, der sich nicht in einer der vielen Situationen oder Figuren wiedererkannt über die monologisiert und palavert wird, das ist stellenweise zum Schreien komisch. Aber selbstverständlich wird dieses Stück dominiert von den drei herrlich plapperigen Schwestern LENA URZENDOWSKY (als jüngste Schwester Lejla), VERENA JOST (als mittlere Schwester Nina) und SABINE WAIBEL (als älteste Schwester Marija) – was für ein Trio Infernale. Natürlich kann man sich fragen, ob es dieses Stück braucht (gut, das kann man sich bei vielen Stücken fragen…), aber der Text von Barbi Marković bringt unsere Zeit, das Weltgeschehen, unsere Neurosen dermassen auf den Tisch, dass man dem diesen Abhandlungen auch gerne noch weitere 60 Minuten hätte folgen können. ALEXANDER ANGELETTA hat dann auch noch seinen grossen Moment in dieser Riege wunderbarer Schauspielerinnen.

Die interessante Bühne ist von MICHAEL SIMON, die supertollen Kostüme von MIRIAM DRAXL, die Musik von CORNELIA PAZMANDI. Ein wenig hat mich das Stück auch an diese Schwestern-Konstellation im Roman „Die Schwestern“ von Jonas Hassen Khemiri erinnert und das Bild der ewig und zu Gott und der Welt philosophierenden drei Nornen hat sich mir unauslöschlich eingebrannt und ist auch jetzt noch allgegenwärtig. „3 Schwestern“ ist eine absolut gelungene Mischung aus Welt-Bestandsaufnahme, guter Unterhaltung und schön schräger Groteske. Wunderbar!

Zuletzt besuchte Schauspielproduktionen:

Hekabe – Schauspielhaus Zürich Pfauen 18.01.2026

Gilberte de Courgenay – Theater Neumarkt 11.01.2026

Il Gattopardo – Schiffbau / Schauspielhaus Zürich 02.01.2026

William Kentridge & Handspring Puppet Company: Faustus in Africa! – Züricher Theater Spektakel 29.08.2025

Romeo und Julia – Schauspielhaus Zürich 01.05.2025

König Lear – Schauspielhaus Zürich 05.01.2025

König Lear – Schauspielhaus Zürich 17.11.2024

Maria Stuart und Elisabeth – Thalia Theater Hamburg/Theater Winterthur 04.10.2024

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