Endlich schaffe ich es ins Theater Neumarkt, um die erste Regiearbeit des neuen Intendanten MATHIEU BERTHOLET zu sehen und dies dann gleich mit einem Schweizer Kulturgut: „Gilberte de Courgenay“. Ich war sehr gespannt! Kurzum: was für eine tolle Produktion, was für ein tolles Ensemble, absolut sehenswert!
Franz Schnyders Film von 1941 mit Anne-Marie Blanc kennt in der Schweiz – zumindest von den älteren Generationen – wohl jeder und so weiss man auch, dass der Roman von Rudolf Bolo Maeglin und somit der Plot für die beiden Filme (es gibt noch einen weiteren von 1940 „Marguerite et les soldats“ von August Kern) eher dürftig ist. Umso erstaunlicher, was Bertholet nun abendfüllend daraus gemacht hat – dank einem hervorragenden Buch und seinem grossartigen Ensemble (oder wie man es im Neumarkt offiziell nennt: ENSEMBLö)! Der Abend beginnt mit einer monochromatisch geleuchteten leeren Bühne (des Kollektivs ORTREPORT), aufgehängten Militärmänteln und Stapeln von Wirtshaus-Tischen und Stühlen an beiden Seiten sowie verschiedenen mehr oder weniger repetitiven Aktionen der Schauspieler:innen und erst um 17.20 Uhr, also nach 20 Minuten Spieldauer fällt ein erstes Wort: „Pruntrut“. Diese irgendwie ungewisse und andauernde Situation fordert offensichtlich einige Zuschauer:innen und ich muss fast ein wenig lachen, als ich in der Reihe hinter mir den Satz „des isch öppis für intelligenti lüüt“ höre. Aber genau diese Situation ist die Basis für alle weiteren Ereignisse, Soldaten sind im Krieg und kommen in den wohl ziemlich drögen Ort Courgenay, wo die junge Gilberte de Courgenay, eigentlich Gilberte Schneider-Montavon, geborene Montavon als Kellnerin arbeitet und sich völlig selbstlos und aufopfernd um die Soldaten kümmert, auf ihr eigenes Glück mit Peter Hasler verzichtet, ihm zu seiner Liebe Tilly verhilft und zur patriotischen Kultfigur wird. Soviel zum vor Schmalz triefenden Mythos, mit dem diese Produktion gehörig aufräumt. Wunderbar ist das!

Grossartig der Moment, wenn die immer wiederkehrenden Szenen sich vom monochromatischen Licht lösen und plötzlich die Farben des Lebens annehmen, alles bunt und real wird, dann sieht man die überzeichneten Figuren in ihren so grandiosen, wie humorvollen Kostümen von GIANNI NAGI, die trotz der Kriegsnot doch auch ihren sexuellen Reiz haben und viel Haut zeigen. Und wunderbar diese Vielschichtigkeit, die verschiedenen Ebenen, klar wird die (banale) Geschichte erzählt, viel spannender, witziger, böser sind jedoch die Dialoge, Monologe zur Schweiz mit all ihren Facetten, denn hier wird nichts ausgelassen vom super hippen Sauerteigbrot von John Baker bis hin zu den kostenpflichtigen Foto-Hotspots für Influenzer:innen, wir erfahren von den schönen Seen und Bergen der Eidgenossenschaft und den Eigenarten der einzelnen Sprachregionen, erfahren sogar die immense Vielzahl an Wörtern für die Kartoffel und all dies in einem Tempo und mit einer Energie und Spielfreude, dass man längst die Zeit vergisst und dem Geschehen folgt, dass immer wieder durch original Filmsequenzen auf den beiden urzeitlichen Fernsehern auf der Bühne zusätzlich illustriert wird und mit den Teletext-News eine weitere Brücke in die heutige Zeit schlägt. Die Soundcollage (Sound: QUENTIN DUMAY) ist toll und noch toller ist es, dass zuletzt alles in einem starken Song mit vibrierenden Beats von Zaho de Sagazan mündet. Insgesamt muss man sagen, dass das Ensemble auch musikalisch top und sämtliches A-Capella-Songmaterial (einschliesslich dem Song „Gilberte de Courgenay“ von Hans in der Grand) perfekt einstudiert ist und auch so klingt. Bertholet spielt mit Rollen und Geschlechtern und alle spielen alles und das ist plausibel und stimmig und funktioniert bestens, so wie die ganze Produktion wie aus einem Guss erscheint, als hätte es das Stück schon immer genau so gegeben. Das Ensemble ist – man kann es nicht anders sagen – super: ANOUK BARAKAT (wunderbar als mehrsprachige Gilberte, mit stark überdrehtem Akzent….), LISA URSULA TSCHANZ (herrlich als kreischige Schmierentheater-Tilly), MIRJAM JAPP (was für eine Erscheinung!), MAX KRAUS, ROBERT ROZIĆ (wie alle auf der Bühne vom Krieg traumatisierten und in eigenen Bewegungsabläufen und Ritualen gefangen) und mein absoluter Favorit CHADY ABU-NIJMEH (mit unglaublich vielen kleinen, dezenten und herrlichen Momenten…). Überhaupt ist dies auch ein Spiel mit vielen Dialekten und Begrifflichkeiten und wir bewegen uns permanent zwischen Mundart, dem Französischen und der Schriftsprache und genau das macht diese Fassung auch so lebendig. Klar ist auch, Bertholet verklärt diese Figur Gilberte nicht, nimmt ihr aber auch nicht die Güte, nicht die Sympathie, nicht das Liebliche, das wir in diesen Zeiten doch so sehr herbeisehnen und brauchen. Es ist ein absurder Abend und doch absolut real, er zeigt ein klares und aktuelles Bild der Schweiz und wenn dann zum Abschluss sämtliche Gilbertes uns von der Bühne zuwinken, dann denken wir an Anne-Marie Blanc und nehmen uns ganz fest vor, diesen Film alsbald im Stream zu sehen! Und sollte das Theater Neumarkt diese Produktion wieder aufnehmen, dann kann man nur sagen – unbedingt hingehen!
Und wen es interessiert: bei meinen Recherchen habe ich festgestellt, dass Gilberte de Courgenay – also Gilberte Schneider-Montavon (* 20. März 1896 in Courgenay; † 2. Mai 1957 in Zürich) – in Zürich, im Friedhof Nordheim bestattet ist…
Ach und irgendwie fällt mir noch ein, dass mich diese Produktion, dieser Impact, diese Kraft, diese Lust voll an „EWS – Der einzige Politthriller der Schweiz“ erinnert hat, an diese tolle Produktion von Julia Reichert und Piet Baumgartner während der letzten Neumarkt-Intendanz…
Zuletzt besuchte Schauspielproduktionen:
Il Gattopardo – Schiffbau / Schauspielhaus Zürich 02.01.2026
William Kentridge & Handspring Puppet Company: Faustus in Africa! – Züricher Theater Spektakel 29.08.2025
Romeo und Julia – Schauspielhaus Zürich 01.05.2025
König Lear – Schauspielhaus Zürich 05.01.2025
König Lear – Schauspielhaus Zürich 17.11.2024
Maria Stuart und Elisabeth – Thalia Theater Hamburg/Theater Winterthur 04.10.2024
Liebe, einfach ausserirdisch – Schauspielhaus Zürich 23.09.2024
Frau Yamamoto ist noch da – Schauspielhaus Zürich 20.09.2024
Der Theatermacher – Berliner Ensemble/Theater Winterthur 01.06.2024
Faust I & II – Schauspielhaus Zürich 24.03.2024
Orestie – Luzerner Theater 23.09.2023