John Irving – Königin Esther.

Wer hätte das gedacht? Ganz unverhofft und ohne grosses Aufsehen erschien im Diogenes Verlag im späten Leseherbst 2025 ein neuer Roman von John Irving und es gibt sogar ein kurzes Wiedersehen mit Wilbur Larch! Was für eine schöne Überraschung zum Jahresende! Und als grosser Irving-Fan habe ich „Königin Esther“ natürlich mit Genuss gelesen…

Dabei war ich eher skeptisch, denn „Der letzte Sessellift“ von 2023 hat mich nicht wirklich überzeugt. Anders nun diese Neuerscheinung, wo bereits der Klapptentext grosse Lust auf ein neues Irving-Abenteuer macht. Und gleich vorneweg, es ist ein sehr zeitgemässer Roman, der viele brandaktuelle Themen anschneidet. Gut recherchiert erfährt man etwa – nebst der eigentlichen Handlung – viele Facts zur jüngeren Geschichte Israels, zu Beschneidungsriten bei jungen Männern oder zur Geschichte von Schwangerschaftsabbrüchen in den USA.

Jimmy Winslow hat zwei Mütter. Honor, die ihn aufgezogen hat, schickt ihn als Studenten von New Hampshire nach Wien, wo er Vater werden soll. Das Wien der Sechzigerjahre ist ein Ort voller Geheimnisse und Versuchungen, und Jimmy springt kopfüber hinein und ist dabei immer auch auf der Suche nach seiner leiblichen Mutter Esther Nacht. Was er erlebt, ist eine spektakuläre Achterbahnfahrt, wie sie nur das Leben in John Irvings Büchern schreiben kann – voller großer Gefühle, unglaublicher Wendungen und Figuren, die uns nicht mehr loslassen. (Diogenes Verlag)

Natürlich ist „Königin Esther“ ein typischer Irving mit skurrilen Personen und köstlichem Humor. Sein letzter Roman, von dem ich dachte, dass dies sein Abschiedswerk sei, hatte viele Schwächen, hat mich stellenweise sehr gelangweilt. Und ich dachte, das war es nun mit dem Irving’schen Œuvre. Nun also diese überraschende Neuerscheinung: „Königin Esther“ ist wohl für jeden Irving-Fang grosses Lesevergnügen, dennoch dachte ich auch hier zu Beginn: Die Luft ist raus, Irving, mittlerweile 82 Jahre alt, schafft es nicht mehr wirklich zu packen und verliert sich in seitenlangen Banalitäten. Doch dann gibt es unverhofft viele Momente, in denen mir klar ist, warum ich seine Romane und Figuren liebe und – hurra – plötzlich nimmt dieser Roman Fahrt auf, macht mich glücklich, begeistert mich mit vielen liebevollen Details, wie etwa den Hund Hard-Rain, der bei Gewitter unbedingt eine Badewanne braucht, weil er dann grosse Haufen kacken muss oder das Kind namens Siegfried, das mit der Knoblauchpresse seine Plastikfiguren vernichtet. Das ist alles so typisch Irving! Zudem werden seine grossen Themen (Ringen, verschiedene Mütter, Amsterdam, Wien, Prostituierte, Tattoos, etc.) abgehandelt. Bis auf den Bären. Der kommt nicht vor. Schade eigentlich. Der Roman fühlt sich an wie eine grosse Irving-Retrospektive, wie eine Rückschau auf sein Werk, quasi ein Best-Of-Irving, das ist wunderbar, auch wenn die titelgebende Esther merkwürdig im Dunklen bleibt, wie ein Phantom. Man liest viel Neues und ausführlich Recherchiertes unter anderem zum Zionismus, zur jüdischen Diaspora, etc. – dazu viele wunderbare Seitenstränge und Anekdoten, auch wenn leider nicht alle Geschichten zu Ende erzählt werden und einige Fragen offen bleiben, aber vielleicht werden diese in noch folgenden Romanen beantwortet….? Das wäre schön. Ach, John Irving gefällt mir schon immer noch sehr gut. Und ich habe die leise Hoffnung, dass da noch mehr kommen wird.

„Königin Esther“ von John Irving, 2025, Diogenes Verlag, ISBN: 978-3-257-07367-6 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich bei sehr herzlich beim Diogenes Verlag bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

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