Barbe-Bleue – Opéra de Lausanne 31.12.2025

Same procedure as every year – die letzte Vorstellung des Jahres sehen wir an der Opéra de Lausanne, denn was passt für den Silvesterabend besser als ein spritziger Offenbach? Es gibt „Barbe-Bleue“. Und einmal mehr sehen wir an diesem Haus eine witzige, amüsante Inszenierung von LAURENT PELLY, am Pult der SINFONIETTA DE LAUSANNE steht ALEXANDRA CRAVERO und auf der Bühne ein spielfreudiges Ensemble und der immer wieder grossartige CHŒUR DE L’OPERA DE LAUSANNE….herrlich!

Offenbachs „Barbe-Bleue“ hatte im 19. Jahrhundert lange nicht die Aufmerksamkeit und die Erfolge, die er mit seinen anderen Werken feiern konnte und auch heute wird der Offenbach’sche „Blaubart“ eher selten gespielt (ich habe „Barbe-Bleue“ zuletzt vor über 30 Jahren am Staatstheater Nürnberg gesehen…), es fehlen die wirklich grossen Ensembles und Can-Cans. Pellys Inszenierung lässt jedoch keine Wünsche offen, war bereits in Lyon und Marseille zu sehen. Er ist nach so vielen Offenbach-Inszenierungen mittlerweile ein ausgewiesener Meister dieses nicht immer einfach zu realisierenden Fachs. Es stimmt alles: Timing, Witz eine ausgewogene Balance zwischen schwungvoller Komödie, bissig-scharfem Humor und beissender Gesellschaftskritik und natürlich ein hervorragendes, spielfreudiges Ensemble. Das Stück ist aktueller denn je, die Charaktere köstlich gezeichnet, CHRISTOPHE MORTAGNE als Roi Bobèche erinnert (nicht nur wegen seiner roten, viel zu langen Krawatte) ein wenig an Donald Trump, JULIE PASTURAUD als Reine Clémentine ist eine herrliche Karikatur älterer Regentinnen europäischer Königshäuser, wie man sie aus diversen Klatsch-Zeitschriften kennt, Barbe-Bleue (FLORIAN LACONI) schliesslich erinnert an einen Balkan-Mafioso und ist dermassen witzig und überzeugend, dass ich mehrfach lauthals lachen muss, wenn er seine unzähligen, perlenden Arien und Koloraturen überzogen zum Besten gibt. Das ist Comedy at it’s best! Wunderbar auch die dralle Boulotte von HÉLOISE MAS, die den Abend komplett dominiert, für sich einnimmt. Ebenfalls witzige Charakter-Studien sind der Prinz Saphir von JERÉMY DUFFAU, Comte Oscar von THIBAULT DE DAMAS sowie der herrlich komödiantische Popolani von CHRISTOPHE GAY. Im grossen Ensemble noch zu erwähnen ist JENNIFER COURCIER als Fleurette, die mit ihrer fröhlichen Leichtigkeit neben der dominanten Boulotte jedoch einen schweren Stand hat, der Alvarez von AURÉLIEN REYMOND-MORET und die fünf Frauen Blaubarts: NAIMA WANSHE (Héloise), LÉA SIRERA (Éleonore), LAURIANE PAILLET (Isaure), EUDOXIE MOTTIRONI (Rosalinde) und SOLÉNE NANCY (Blanche). Highlight in Lausanne ist für mich definitiv immer wieder der Chor, in bisher allen besuchten Produktionen grossartig und auch in diesem „Barbe-Bleue“ unglaublich spielfreudig, energiegeladen, musikalisch auf dem Punkt (Choreinstudierung: GUILLAUME RAULT) und selbst in den vielen Choreografien hervorragend einstudiert, sehr witzig etwa als tölpelhafte Bauern im 1. Akt oder später dann als buckelnde Dienerschaft im Palast. „Barbe-Bleue“ könnte auf der Bühne auch heikel sein, immerhin geht es um sechs Frauenmorde/Femizide und die üppige Figur Boulottes ist ebenfalls ein grosses Thema, Pelly umschifft aber all dies mit wunderbarer Leichtigkeit, ohne sie zu ignorieren, es gibt keinen einzigen Moment, in dem man peinlich berührt wäre – Héloïse Mas ist neben Florian Laconi der Star des Abends und steht für eine starke und selbstbewusste Frauenfigur. Beide Rollen sind grossartig gezeichnet, überzeugen mich absolut, vielleicht hätte ich mir einen etwas bissigeren Schluss gewünscht, eine angemessenere Bestrafung für Blaubart etwa, so aber bleibt zuletzt nur der etwas dümmliche König Bobèche, der gesteht, dass er gar nichts mehr versteht. CHANTAL THOMAS hat ein tolles Bühnenbild für diese Produktion gebaut (egal ob Dorfplatz, Festsaal im Schloss oder im Keller von Popolani mit den Kühlkammern der vermeintlichen Leichen – die Schlagzeilen und Presse-Ausschnitte sind omnipräsent, die vielen Toten eben immer eine Pressemeldung wert…). Die Kostüme sind – wie bereits im letzten Jahr zu „Le songe de nuit d’été“ – vom Regisseur und absolut treffend (die ermordeten Frauen und vermeintlichen Liebhaber Clémentines im Tudorstyle als Reminiszenz an Henry VIII….. wunderbar!). Aus dem Graben tönt es quirlig, spritzig, dynamisch, es wird absolut präzise musiziert – genau so, wie man es bei Offenbachs Musik erwartet. Das ziemlich alte Silvester-Publikum goutiert das zuletzt mit Standing Ovations und langanhaltendem Applaus für das hervorragende Ensemble und die musikalische Leitung von Alexandra Cravero. Einmal mehr eine absolut sehenswerte, launige Produktion zum Jahresausklang in Lausanne, ich bin schon sehr gespannt auf das Programm für die kommende Saison!

Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:

545: Die Fledermaus – Oper Zürich 10.12.2025

544: La forza del Destino – Oper Zürich 26.11.2025

543: Hänsel und Gretel – Oper Zürich 20.11.2025

542: El Barberillo de Lavapiés – Theater Basel 05.11.2025

541: Pélleas & Mélisande – Grand Théâtre de Genève 02.11.2025

540: Der Rosenkavalier – Oper Zürich 01.10.2025

539: Tannhäuser – Grand Théâtre de Genève 28.09.2025

538: Manon – Oper Zürich 24.09.2025

537: Elektra – Theater St. Gallen 07.09.2025

536: La Traviata – Grand Théâtre de Genève 22.06.2025

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