Wenn ein Konzert mit einem Werk von Arvo Pärt beginnt, ist das bereits ein wunderbarer Start in zwei wunderbare Stunden in der Tonhalle Zürich, folgt dann noch Beethovens 5. Klavierkonzert mit VÍKINGUR ÓLAFSSON und das immer wieder grossartige Konzert für Orchester von Witold Lutoslawski, so ist das ein ziemlich perfekter Abend….
Arvo Pärts Musik ist immer eine tolle Möglichkeit, nach einem anstrengenden Tag etwas runterzufahren und loszulassen, diese chillige Mischung aus (vermeintlich) klanglicher Schlichtheit und spiritueller Tiefe begeistert mich immer wieder und dank PAAVO JÄRVI, der an diesem Konzertabend am Pult steht, ist dieser estnische Komponist in Zürich und weltweit immer wieder in den Konzertsälen zu hören. „Für Lennart in memoriam“ ist ein Stück für Streichorchester, dass Pärt 2006 für den estnischen Staatspräsidenten Lennart Meri verfasste, es ist ein getragenes, feierliches Stück für dessen Beerdigung. Nach diesen gut 7 Minuten ist man geerdet, ruhig und wohlig entspannt im Konzertsaal angekommen. Direkt im Anschluss betritt ER dann die Bühne, mittlerweile als umjubelter Grammy-prämierter Star im klassischen Konzertbereich – VÍKINGUR ÓLAFSSON, unaufgeregt und äusserst gelassen, wie immer. Aktuell als Fokus-Künstler des Tonhalle Orchesters Zürich ist er in dieser Saison häufig in Zürich zu erleben und – ganz ehrlich – es ist immer wieder ein Ereignis. An diesem Abend spielt er noch dazu Beethovens 5. Klavierkonzert in Es-Dur op. 73 – mein Lieblingskonzert. Ungewohnt und neu, verbinde ich ihn doch überwiegend mit sehr modernen Werken und natürlich als grossen Bach-Interpreten. Ólafsson, für mich sonst eher analytisch und technisch spielt einen zum Weinen schönen Beginn des 2. Satzes, voller Erhabenheit und majestätischer Grösse, kein Wunder nennt man dieses Konzert im anglikanischen Sprachraum auch „Emporer Concerto“. Auch für den Übergang zum 3. Satz nimmt er sich unendlich viel Zeit und betört den Saal mit einer immensen Ruhe und Gelassenheit, ganz grosses Kino ist das. Kein Wunder endet der erste Teil in Jubel und Standing Ovations und bevor wir als Encore noch das Ave María von Sigvaldi Kaldalóns, einem isländischen Komponisten, hören, erzählt uns Ólafsson, dass Beethoven dieses Konzert mit 41 Jahren (und schon ziemlich taub) schrieb, Ólafssons aktuellem Alter. Das scheint ihn offensichtlich sehr zu berühren, denn auch das „Ave Maria“ ist voller Zartheit und touched mich deeply. Kein Wunder, ist es eines der meist gestreamten Werke seines Albums „From Afar“ (2022). Und man fragt sich fast schon ein wenig enttäuscht: was, diesmal nur eine Zugabe?
Arvo Pärt: „Für Lennart in memoriam“ für Streichorchester – Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73 & Encore: Sigvaldi Kaldalóns: Ave Maria – Witold Lutoslawski: Konzert für Orchester
Nach der Pause sitzt Ólafsson dann selbst als Zuhörer im Saal und man kann gut nachvollziehen, dass er den zweiten Teil nicht verpassen will, denn es gibt – immer wieder wunderbar – Lutoslawskis bombastisches Konzert für Orchester, hier zuletzt gehört 2022 unter Jakob Hruša. Ein vollbesetztes Podium, viel Schlagwerk, viel Blech und alle Instrumentengruppen musizieren famos! Herrlich in diesem Konzert ist der kurze Instagram-Moment, wenn an der Pauke BENJAMIN FORSTERs Schlägel nach hinten fliegt und er komplett gelassen den nächsten nimmt und weiterspielt – das sind genau diese Momente, die ich liebe, diese Präzision und gleichzeitige Gelassenheit in diesem immer wieder wundervoll musizierenden Orchester (die sechs Herren am Schlagwerk/Pauke hatten gut zu tun!). Lutoslawskis Konzert begeistert mich immer wieder, die treibenden Beats, diese bildreiche Musik, bei der man permanent das Gefühl hat in einem Film zu sitzen, abwechselnd dazu, die sich langsam auflösenden Klangschichten und Gebilde – das ist Spannung pur. Grosser Applaus in der bis auf den letzten Platz besetzten Tonhalle, Paavo Järvi ist immer ein Garant für Konzerte auf absolut hohem Niveau, auch wenn an diesem Abend eindeutig erneut Víkingur Ólafsson im Mittelpunkt steht, dessen Fangemeinde mittlerweile weltweit ziemlich gross sein dürfte. All die besuchten Konzerte mit ihm waren für mich persönlich jedenfalls ein Ereignis.
Zuletzt besuchte Konzerte:
Hahn: Stabat Mater – Tonhalle Zürich 26.02.2025
Järvi/Ólafsson: Adams/Mahler – Tonhalle Zürich 24.01.2025
Heiner Goebbels: A House of Call – Philharmonie de Paris 25.11.2024
Jan Willem de Vriend: Messiah – Tonhalle Zürich 20.12.2024
Cameron Carpenter: Bach/Franck/Mussorgsky – Tonhalle Zürich 13.12.2024
Popelka/Tamestit: Schnittke/Schumann – Tonhalle Zürich 05.12.2024
de Ridder/McVinnie: Thorvaldsdottir/Muhly/Bjarnason – Tonhalle Zürich 29.11.2024
Vokalensemble/Orchester Bacchanto: Paulus – Kirche Neumünster 15.11.2024
Klavierrezital Víkingur Ólafsson und Yuja Wang – Tonhalle Zürich 25.10.2024
Järvi/Ólafsson: Brahms/Thorvaldsdottir/Strawinsky – Tonhalle Zürich 18.09.2024
Joana Mallwitz: Dessner/Mahler – Tonhalle Zürich 05.07.2024
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