Händel at its best: sein erster grosser Erfolg – „Agrippina“ in einer absolut kurzweiligen und sehr gelungenen Inszenierung von JETSKE MIJNSSEN und in einer Traumbesetzung am Zürcher Opernhaus – da muss man hin…
Dreieinhalb Stunden können sehr lange sein, wenn einem zur oftmals vermeintlich dahinplätschernden Musik Georg Friedrich Händels auf der Bühne nichts Spannendes geboten wird. Aber seit meinem ersten Händel 1994 – diesem herrlichen „Giulio Cesare“ von Richard Jones an der Bayerischen Staatsoper (ja, genau der mit dem langsam fallenden T-Rex auf der Bühne in der wunderbaren Ära unter Sir Peter Jonas!!!) – bin ich schon etwas Fan von gut musizierter Barockmusik, denn die Geschichten geben zumeist viel her und funktionieren auch im Setting unserer Zeit. Und auch diese neue „Agrippina“ in Zürich bietet alles, was das Herz begehrt – einen mit Witz und Tempo unterhaltsam erzählten Plot (grossartig die Szene in der nächtliche Küche mit seinen Klipp-Klapp-Küchenschrank-Momenten), einer ästhetischen Ausstattung mit vielen kleinen, liebenswerten Details im Bühnenbild und natürlich einer Besetzung, die man sich besser nicht wünschen könnte. Bühnenbildner BEN BAUR hat hierfür ein Upper-Class-Apartment gebaut, in dem sich wunderbar agieren lässt, zwischen den einzelnen Akten erfahren wir etwas mehr vom alltäglichen Intrigen-Lifestyle – wir sehen coole Videos von KEVIN GRABER, die während des Umbaus auf die Gaze projiziert werden. Dreh- und Angelpunkt und natürlich die intrigante Strippenzieherin ist Agrippina – mit ANNA BONITATIBUS hervorragend besetzt, so viele Facetten sehen wir von ihr, eine wirkliche Grand Dame in diesem Setting. Fulminant auch die zweite weibliche Person in diesem von Männern dominierten Werk – LEA DESANDRE als Poppea. Wunderbar, wie sie da auf dem Küchentresen tanzt und verführt und letztendlich zieht sie noch mehr die Fäden als Agrippina und so überrascht das sehr schlüssige Finale nicht. Zum ersten mal durfte ich Lea Desandre 2017 in Aix-en-Provence in Cavallis „Erismea“ erleben, dort gemeinsam mit JAKUB JÓZEF ORLIŃSKI, der hier in Zürich als Ottone an ihrer Seite steht. Orliński ist sowieso eine Augenweide und sein Countertenor klingt immer wieder äusserst gepflegt, feindifferenziert in den Nuancen und gemeinsam mit Lea Desandre im Duett „No, no, ch’io non apprezzo“ wunderschön und dem Leben entrückt. Auch sein Gegenpart Nerone ist mit dem Countertenor CHRISTOPHE DUMAUX hervorragend besetzt, wobei man anfangs etwas erschrickt, ob der sehr heftigen Dynamik in seiner Stimme, auch wenn ich ihn hier in Zürich schon mehrfach gehört habe. Und der dritte Countertenor in dieser Produktion ist mit dem äusserst erfrischenden, jungen ALOIS MÜHLBACHER als Narciso ebenfalls äusserst glücklich besetzt, zusammen mit JOSÉ COCA LOZA als Pallante zeigen die beiden köstliche Charakterstudien im Dunstkreis Agrippinas. Den Claudio gibt NAHUEL DI PIERRO, regelmässiger Gast in Zürich und ein eher ruhiger Gegenpol zu all diesen Intrigen und Verwirrungen im Haus Agrippinas – seinen sehr schönen Bass höre ich immer wieder gerne. Das Ensemble komplettiert YANNICK DEBUS als Lesbo und was wären all diese wunderbaren Sänger:innen in dieser Produktion ohne die feine und wohlüberlegte (Personen-)Regie von JETSKE MIJNSSEN, deren bisherige Arbeiten in Zürich mich absolut überzeugt haben. Sie hat ein absolutes Gespür für Timing, für oftmals kleine Gesten und Bewegungen, die sich aber manifestieren, das Stück voranbringen, unterhalten, niemals aufdringlich wirken, schlüssig sind. All das trägt zu diesen sehr unterhaltsamen guten drei Stunden bei, die kurzweiliger nicht sein könnten, wir sehen eine köstliche Mischung aus Denver-Clan, Dallas und sonstigen Daily-Soaps, mit all ihren Mechanismen und Attitüden. Aus dem Graben tönt das Barockorchester LA SCINTILLA ganz hervorragend und HARRY BICKET am Pult schafft so viel Authentizität wie möglich, dirigiert die famosen Musiker:Innen, Solist:innen und spielt eines der beiden Cembali. Diese „Agrippina“ ist – so finde ich, auch weil nicht sehr häufig auf den Spielplänen zu finden – ein grosser Wurf für das Zürcher Haus, ich hoffe sehr, dass es eine Wiederaufnahme unter der neuen Intendanz ab 2025/26 geben wird, denn ein Besuch reicht mir definitiv nicht – da will ich mehr von haben….
Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:
526: Manon Lescaut – Oper Zürich 6.3.2025
525: Rusalka – Staatsoper Stuttgart 27.02.2025
524: Dido and Æneas – Grand Théâtre de Genève 23.02.2025
523: Le songe d’une nuit d’été – Opéra de Lausanne 31.12.2025
522: Un ballo in maschera – Oper Zürich 17.12.2024
521: Fedora – Grand Théâtre de Genève 15.12.2024
520: Der fliegende Holländer – Oper Zürich 10.12.2024
519: Liebe zu den drei Orangen – Theater St. Gallen 08.12.2024
518: Leben mit einem Idioten – Oper Zürich 01.12.2024
11 Kommentare