Immer wieder stelle ich bei der Lektüre eines derartigen Schmökers fest, dass es zwar schön ist, sich mit einem Pageturner zu vergnügen, jedoch ist für mich die Zeit für derartig umfangreiche Bücher vorbei, denn es gibt zu viele Bücher, die ich in dem mir verbleibenden Leben noch lesen möchte, das macht mich dann bei über 800 Seiten schon etwas ungeduldig, auch wenn eine Geschichte gut und packend erzählt wird…
„Demon Copperhead“ ist – mehr oder weniger – eine Adaption von Dickens Klassiker „David Copperfield“, spielt in den 80 Jahren, in der Ödnis der amerikanischen Appalachen, dort wo heutzutage sicherlich Trump seine Wählerschaft rekrutiert, in kleinen Städten ohne Perspektive, fernab von den Glanzlichtern der Grossstadt, mit hoher Arbeitslosigkeit und einem Drogensumpf, der die komplette Gesellschaft durchzieht.
Ein Trailer in den Wäldern Virginias, dem Land der Tabakfarmer und Schwarzbrenner, der Hillbilly-Cadillac-Stoßstangenaufkleber an rostigen Pickups. Hier kommt Demon Copperhead zur Welt – die Mutter ist noch ein Teenie und frisch auf Entzug, der Vater tot. Ein Junge mit kupferroten Haaren, großer Klappe und einem zähen Überlebenswillen, bei allem, was das Leben für ihn bereithält: Armut, Pflegefamilien, Drogensucht, erste Liebe und unermesslichen Verlust. Es ist seine Geschichte, erzählt in seinen Worten, unbekümmert, vorwitzig, von übersprudelnder Lebenskraft. (dtv Verlag)
Hat man den Roman erst einmal begonnen, mag man ihn nicht beiseite legen, man nimmt Anteil an diesem Leben, die Sogwirkung ist immens. Wunderbar die vielschichtigen Charaktere, glaubhaft die Story und nach allem, was man mittlerweile über Sacklers und Co. weiss, ist die Story auch absolut glaubwürdig. Natürlich gibt es die Nähe zu Dickens „David Copperfield“ bzw. wurde die Autorin davon inspiriert, dennoch ist „Demon Copperhead“ ein eigenständiges Werk, absolut authentisch, zutiefst berührend und dennoch auch mit vielen komischen Momenten. Von Anbeginn wünscht man ihm Glück, diesem lebenshungrigen, neugierigen rothaarigen Jungen, später jungen Mann, nimmt sehr Anteil an seinem Leben, seinem Schicksal, seinen Weggefährt:innen. Ob „Demon Copperhead“ nun literarisch wertvoll ist, den Pulitzer-Preis dafür verdient hat oder nicht, ist nebensächlich, denn was zählt, ist bei diesem Roman die absolut gute Unterhaltung, diese lebensnahen, sehr dichten Momente, in die man eintaucht, die man miterlebt, die mich als Leser nicht mehr loslassen. Denn man weiss, das ist keine Fiktion, das ist ein Schicksal, wie es viele Amerikaner teilen. Und doch ist der Roman weder anklagend, noch kitschig, pathetisch oder sozialkritisch. Das ist die amerikanische Realität und die wird sich durch den dämlichen Rotschopf, den man noch ein paar Jahre ertragen muss, sicherlich nicht verbessern. „Demon Copperhead“ ist tolle Ferienlektüre, ein packender, unterhaltsamer Roman, der (fast) jedem Leser gefallen dürfte.
„Demon Copperhead“ von Barbara Kingsolver, 2024, dtv Verlag, ISBN: 978-3-423-28396-0 (Werbung)
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Ein Urteil, das ich zu 100 Prozent unterschreibe. Ich habe den Roman zweimal gelesen, obwohl er lang IST. Dennoch finde ich ihn grossartig, vor allem wegen Demon’s erfrischend grosser Klappe.
Gerne würde ich noch hinzufügen: Eher am Rande diskutiert das Buch auch die Entfremdung zwischen Stadt- und Landmenschen, entlarvt die urbane Ignoranz, mit der wir Stadtmenschen teils aufs Land gehen.
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