Monster’s Paradise – Oper Zürich 10.12.2026

Aktueller kann Oper nicht sein – das vieldiskutierte neue Werk von OLGA NEUWIRTH mit dem Libretto von ELFRIEDE JELINEK, welches erst im Februar an der Staatsoper Hamburg seine Uraufführung hatte und nun – absolut am Puls der Zeit – an der Oper Zürich zu sehen ist: eine bunte, schrille Mischung aus aktuellem Weltgeschehen, ausufernden, aber grossartigen Texten und einer extrem lauten, verstärkten, aber durchwegs spannenden Musik…

Und obwohl die Oper Zürich (trotz hoher Preise) in der Regel ziemlich gut verkauft ist, so bleibt es doch ein seltener Anblick, wenn vor dem Haus Menschen mit einem „Karte gesucht“ – Schild stehen, um noch eine der letzten Vorstellungen dieser „Grand Guignol Opéra“ (wie sie von Neuwirth bezeichnet wird) sehen zu können, das erinnert doch eher an Bayreuth oder Salzburg, als an das Haus am Sechseläutenplatz. Aber der Medienrummel vor und nach der Premiere war bereits in Hamburg und nun auch in Zürich gross. Interessanterweise sind dann nach der Pause teilweise halbe Sitzreihen im Parkett leer, das immer älter werdende Abo-Publikum hat die Flucht ergriffen, es war ihnen wohl vor allem zu laut oder sie wollten nicht mit der aktuellen Welt(politischen)Lage konfrontiert werden, sondern sich einfach nur mit guter Erhaltung berieseln lassen. Das geht bei Neuwirth und Jelinek natürlich nicht, hätte man sich doch auch denken können. Zudem ist es eine ganz eigene Ästhetik (Ausstattung: RAINER SELLMAIER, Video: JONAS DAHL, JANIC BEBI, Licht: MICHAEL BAUER), die man zu sehen bekommt, insgesamt gesehen würde ich diese Produktion als eine bunte Mischung von Revue, Musiktheater und Spektakel bezeichnen, die man unbedingt gesehen haben muss (alleine schon wegen den wunderbaren Videoprojektionen mit CHARLOTTE RAMPLING als The Goddess), auch wenn es vor allem im zweiten Teil nach der Pause ziemliche Längen hat und etwas ausufert. Hamburgs neuer Opern-Intendant und Regisseur TOBIAS KRATZER (dessen genialer „Tannhäuser“ in Bayreuth für mich immer noch ein absolutes Highlight der letzten Jahre darstellt….) hat viele tolle Ideen für diesen Plot und wenn dann irgendwann der extrem aufgeblasene (im wahrsten Sinn des Wortes) Präsident vom Monster Gorgonzilla aufgefressen wird, ist wohl fast jeder im Saal zufrieden und glücklich, fast möchte man applaudieren. Andererseits sind viele Bilder und Eindrücke in dieser Produktion auch etwas abgeschmackt, plakativ und platt, aber wirkungsvoll. Eine wirklich „Handlung“ gibt es in diesem Spektakel nicht, aber es werden alle aktuell relevanten Themen abgearbeitet, von der Klimakatastrophe über die aktuelle grössenwahnsinnige USA-Präsidentschaft (über die man sich dann auch herrlich amüsieren kann) samt stoischer Ehegattin (unter ihrem ikonischen Hut, den man von der Vereidigung kennt…) im Hintergrund, Kapitalismuskritik und Feminismus – etwas viel Stoff für knapp drei Stunden, literarische Ergüsse einer Nobelpreisträgerin, die viel Schönes haben, mich als Zuschauer – zusammen mit der wuchtigen Musik – aber komplett erschlagen.

Jelinek und Neuwirth bringen sich dann auch gleich selbst und das auch noch gedoppelt auf die Bühne und nehmen uns als Vampiretten Vampi (Sängerin SARAH DEFRISE und Schauspielerin SYLVIE ROHRER) und Bampi (Sängerin KRISTINA STANEK und Schauspielerin RUTH ROSENFELD) mit auf diese Reise und direkt ins Oval Office des Weissen Hauses, hier residiert der König-Präsident und wir amüsieren uns zunächst prächtig über sämtliche Ikonen Amerikas, die er als Juror von „America’s Got Talent“ sofort per Buzzer rauswirft. GEORG NIGL als König-Präsident ist grossartig, herrlich skurill und eine genaue Studie von Donald Trump (gerne hätte ich hier auch den Alternate Robin Adams gesehen, den ich als Sänger und Darsteller ebenfalls super finde). Ihm absolut treu und untertänigst ergeben sind die beiden absolut famosen Countertenöre ANDREW WATTS (Mickey, des Königs höriger Adlatus I/Doppelgänger des Königs/Todesengel II) und ERIC JURENAS (Tuckey, des Königs höriger Adlatus II/Todesengel I) und wie immer grossartig der wunderbare Bassbariton RUBEN DROLE als ein Bär sowie die ebenso tolle Leistung von ANNA CLEMENTI mit elektronisch verfremdeter Stimme als Gorgonzilla (in dessen Körper VANESSA KONZOK steckt…). Überhaupt ist dieses Werk ein Aufgebot an musikalischem Effort und Elektronik, so dass in den hintersten Parkett-Reihen auch ein Tonpult (für die grosse Ton-Equipe MARKUS NOISTERNIG (Live-Elektronik), OLIVER BRUNBAUER und Olga Neuwirth (Sound-Design und Samples) sowie JULIEN ALÉONARD (Klangregie)) installiert ist, plus weitere Monitore zum Sichtkontakt mit dem musikalischen Leiter der Produktion TITUS ENGEL. Virtuos ist es schon, dieses gewaltige Klangchaos, dass doch immer wieder zu harmonischen sanften Melodien führt und zuletzt – wenn Vampi und Bampi nach dem Weltenbrand auf einem Floss mit Konzertflügel in den Sonnenuntergang, in die Dämmerung, in eine neue und bessere (?) Welt segeln, harmonisch-disharmonisch und gefühlt neverending – langsam ausläuft und man etwas erschöpft von dieser überbordenden Fülle an Klängen und Bildern und einer Rockkonzert-Dynamik das Haus verlässt und das Bellevue plötzlich ruhig und still erscheint. Neuwirths Musik ist eine gekonnte Melange aus unterschiedlichen Genres und Verfremdungen – höre ich da Schubert und Johann Strauss? und natürlich die amerikanische Nationalhymne? klar! – sowie interessanter Instrumentierung mit Drumkit (LUCAS NIGGLI) und E-Gitarre (SETH JOSEL), dazu viel (gedämpfte) Blech-Bläser und immer wieder auch sehr jazzig angehauchte Momente. Das macht Spass und gibt dem Besuch im Opernhaus Zürich definitiv ein komplett neues Feeling, ebenso Pre- und Pausenshow von Cheerleadern und Zombies, die durch die Gänge und Treppenhäuser streifen.

Selten genug hat man hier „in diesen heiligen Hallen“ das Gefühl von pulsierendem Leben statt der ewigen Repetition von Althergebrachtem. Bei „Monster’s Paradise“ feiert man das Leben und die bittere Realität unserer Gegenwart, auch wenn sie noch so trist und traurig ist…

Whats next? – Premiere von „Fin de Partie“ von György Kurtag am Theater Basel.

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