Du denkst vielleicht, was hör ich da, und ich sage Dir – es ist die Waschmaschine – Schauspielhaus Zürich 19.03.2026

Viel zu lange musste man im Schauspielhaus Zürich auf RUEDI HÄUSERMANN und seine Arbeiten verzichten, nun endlich ist er wieder da mit einem seiner herrlich poetisch-skurrilen Abende. Und abermals steigt er ein in Texte und Gedanken Robert Walsers, ganz wunderbar wundersam ist das…

Das schafft kein anderer, so wie Häusermann den Schweizer Alltag in all seinen Absurditäten zeigt und uns damit auch einen Spiegel vorhält. In vier Spielräumen oder – wie jeweils mit Flüstertüten angekündigt – vier Konzerten sehen wir das Leben in der Stadt, in der Beiz „Frohsinn“, im Gemeindesaal und zuletzt in der ganz privaten und beengten Stube. Und es gibt so viel Momente, die man selbst schon erlebt hat, diese immense Bandbreite des alltäglichen Lebens, changierend zwischen Lärm und Stille, ausbalanciert zwischen dem vermeintlich privaten und des öffentlichen Lebens in der Gemeinschaft, ausgewogen zwischen Harmonie und Disharmonie. Selbst Stille ist nie still, denn durch die offenen Fenster hört man das pure Leben, vom Geschirrgeklapper bis hin zu Telefonaten, vom Handyklingeln bis eben hin zur titelgebenden Waschmaschine, die zu guter Letzt dann auch mit dem Ende des Waschprogramms nach knapp 2 Stunden das Ende dieses herrlichen Abends verkündet. Was wir sehen ist Musiktheater, erinnert ein wenig an Marthaler, bleibt aber im Grossen und Ganzen typisch Häusermann, von dem man zuletzt in der Intendanz von Barbara Frey mehrere köstliche Arbeiten sehen konnte, warum man sich danach diesen grossartigen feinsinnigen Arbeiten verwehrt hat, die zumeist auch einen Schweizer Bezug haben, bleibt mir immer noch schleierhaft, wollte man doch Theater für die Schweiz machen (anyway, man merkt, ich bin immer noch erbost über diese sinnlos vergeudeten 5 Jahre Intendanz unter Stemann und von Blomberg). Der musikalische Anteil an dieser Produktion ist wie immer sehr gross und Häusermann versammelt hierfür sein Jazztrio mit CLAUDE MEIER (Kontrabass und Bassgitarre), MARCO KÄPPELI am Schlagwerk und RUEDI HÄUSERMANN himself (Flöten, Hohner-Mignon und Bass-Klarinette) und kombiniert sie mit dem hervorragenden Streichquartett KUBUS KOLLEKTIV (Violine: SONYA SULDINA, Viola: SOPHIE WAHLMÜLLER, LIESE MÉSZÁR und Violoncello: TRUDE MÉSZÁR). Häusermann selbst fungiert dabei als Ausgleich zwischen Harmonie und Disharmonie, lässt alle Beteiligten wunderbar dissonant Auseinanderdriften, um sie dann wieder zu einem Ganzen zusammenfinden zu lassen. Und wenn alle Musiker:innen, die vor der Bühne platziert sind, sich dann zu den einzelnen Spielräumen begeben, so sind sie weiterhin musikalisch tätig, zerknüllen ihr Notenmaterial, was dann auch exakt so klingt, als geht gerade ein Regenschauer nieder, sie folgen als gesichtslose Masse dem Stadtführer MICHAEL NEUENSCHWANDER durch die Gassen der Stadt, sitzen vor der Beiz und lesen ihren Tagesanzeiger und geben eine köstliche Studie zum Leben in der Gemeinschaft, sei es als Musiker:innen in der Blaskapelle, die für das Quartierfest probt oder den Laienchor während einer Chorprobe. Und all dies ist so grossartig beobachtet und detailreich auf der Bühne umgesetzt, dass die knapp 2 Stunden Spieldauer wie im Fluge vergehen, man sich köstlich amüsiert und an den vielen Texten Walser und Zimmermanns erfreut und tief darin eintaucht – der Regisseur und Komponist Ruedi Häusermann machts möglich, überhaupt ist er ein Tausendsassa, denn das grossartige Bühnenbild stammt ebenfalls von ihm, in gemeinsamer Arbeit mit DAMIAN HITZ wurde das aus verschiedenen Modulen bestehende Setting erdacht und verändert sich im Spiel permanent, rückt von der grossangelegten Häuserschlucht bis hin zur biederen Stube immer näher an uns Zuschauer, fast wie eine Bedrohung.

Und immer wieder entdeckt man liebevollen Detailreichtum, wenn etwa in der Stube die gerahmten Fotos der einzelnen Fotosessions aus den vorangegangenen Szenen hängen oder zuletzt Neuenschwander den verwertbaren Müll sorgsam vom Esstisch in den grünen Biomüllbehälter schiebt. Überhaupt habe ich Neuenschwander noch nie so komisch und skurril und körperlich erlebt. Und der Burner schlechthin ist natürlich RAHEL HUBACHER, die jeden noch so kleinen Moment zu einem ganz grossen macht und bei deren hinreissendem Spiel man gar nicht anders kann, als einfach alles ganz wunderbar zu finden. Wie sie am Stubentisch das Hochzeitsmenü (ein Text des Berner Künstlers TIMMERMAHN) herunterbetet ist zum hinknien! Und dann ist da noch der eher trockene Gegenpol und Rezitator HERWIG URSIN, den man bereits von anderen Häusermann-Projekten kennt, der auch immer wieder das präparierte Klavier bearbeitet. Was für köstliche 2 Stunden, die man im Pfauen verbringt, eine wunderbare Mischung aus Poesie, Skurrilitätenkabinett und eben der übergrosse Spiegel, in den wir alle blicken und uns oftmals Wiedererkennen und viele kleine Dinge werden plötzlich übergross und füllen den Raum, ganz gemäss Robert Walsers „An manchem Kleinen hängt unser aller Großes“. Bleibt zu hoffen, dass es nun wieder regelmässig Häusermann-Arbeiten im Schauspielhaus Zürich zu sehen gibt – diese wohltuenden, leichtfüssig daherkommenden und doch so sehr in die Tiefe gehenden Beobachtungen…

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