Bei der Erstausgabe des neuen Festivals „Zürich Barock“ lässt sich die Oper Zürich nicht lumpen und eröffnet mit einer Premiere von Händels Gassenhauer-Oper „Giulio Cesare in Egitto“ in grandioser Besetzung. Ein guter Einstieg, man darf also gespannt auf die folgenden Programmpunkte sein…
Ob Zürich nun auch noch ein Barock-Festival braucht, sei mal dahingestellt, aber natürlich will eine neue Intendanz sich neu positionieren und profilieren und deshalb heisst es hier also „nicht kleckern, sondern klotzen“, andererseits ist es natürlich auch toll, sieht und hört man innerhalb weniger Tage mehrere Werke, die (aktuell) in den Spielplänen eher nicht zu finden sind, wie etwa Händels „Aci, Galatea e Polifemo“ (konzertant, am Pult: Philippe Jaroussky) oder Jean-Marie Leclairs „Scylla et Glaucus“ in der Inszenierung von Claus Guth, Emmanuelle Haim dirigiert ihr Orchester „Le Concert d’Astrée“. Die Neuproduktion bzw. diese Koproduktion mit der Opéra de Monte-Carlo wartet mit grossen Namen auf: CECILIA BARTOLI, ein regelmässiger Gast an der Oper Zürich als Cleopatra, MAX EMANUEL CENCIC als Tolomeo, ANNE SOFIE VON OTTER als Cornelia, CARLO VISTOLI gibt (endlich!) sein Zürich-Debüt, am Pult des ORCHESTRA LA SCINTILLA steht GIANLUCA CAPUANO, die Inszenierung stammt von DAVIDE LIVERMORE. Beste Voraussetzungen also für einen spektakulären Händel-Abend, aber löst sich das auch ein (für mich ist eben immer noch die grandiose Inszenierung von Richard Jones an der Bayerischen Staatsoper München 1994 ein sehr hoher Gradmesser…)? Livermore verlegt die Handlung auf ein Nilkreuzfahrtschiff, alles erinnert sehr an Agatha Christies „Tod auf dem Nil“, selbst ein sehr an Peter Ustinov’s Charakterstudie des „Hercule Poirot“ erinnernder Herr schlendert immer wieder einmal über das Deck, fotografiert und filmt und zu guter Letzt versammelt er kurz vor dem Applaus alle Beteiligten zu einem Gruppenfoto und im Anschluss sehen wir das Ergebnis in Form eines kurzen schwarz-weissen Stummfilms mit allen Beteiligten. Das ist ganz nett und irgendwie auch stimmig, vor allem weil die grossartigen Videos von D-WOK auf dem Screen im Hintergrund das Publikum eintauchen lassen in diese mal mehr, mal weniger kitschige Atmosphäre am Nil, zwischen Tempeln und Pyramiden. Und kochen dann des öfteren die Emotionen hoch, so verdunkelt sich der Himmel mit stürmischen Wolkengebilden und das Wasser wird stürmisch, dunkelschwarz – auch mal blutrot – und es kocht und brodelt (allerdings eher wie auf hoher See, am Nil gibt es keinen derartigen Seegang…so what!). Das ist ganz nett und trägt sehr dazu bei, den ziemlich langen Abend einigermassen interessant zu gestalten, nutzt sich wie meist bei derartigen Stilmitteln jedoch auch rasch ab. Viel nerviger hingegen ist diese permanent auf- und abfahrende Treppe zum oberen Deck, die jedesmal erneut von einem Bühnentechniker gesichert werden muss. Es gibt viele ganz herrliche Momente, wie etwa die Verführung Cäsars durch Cleopatra, die an ein Varieté erinnert oder Cäsars grosser Auftritt als Entertainer, als Showman, gemeinsam mit Konzertmeisterin ADA PESCH an der Solo-Violine. Das ist witzig, nebst ganz vielen weiteren kleinen und ausgefeilten Details des Kreativteams um Davide Livermore: sehr schöne Kostüme von MARIANA FRACASSO, wohl inspiriert vom „Cleopatra“ Film mit Liz Taylor oder als Zitat einige der Plagen Ägyptens. So spannend wie der Krimi von Agatha Christie sind diese dreieinhalb Stunden jedoch nicht, es hat einige Längen (wie oft bei Händel), aber auch sehr viele ganz große Momente, wie etwa das wundervolle Duett „Son nato a lagrimar“ von Cornelia mit ihrem Sohn Sesto, das so berückend schön gesungen wird und mich voll eintauchen lässt in diese schöne Musik Händels. Es ist für mich auch der erste Moment, in der sämtliche Qualitäten ANNE SOFIE VON OTTERs zum Tragen kommen, denn – um ganz ehrlich zu sein – fand ich sie von Beginn bei weitem nicht auf dem Niveau, wie man sie kennt, irgendwie fehlte ihr diese Dramatik, die man an ihr so mag, jetzt aber packt sie mich und gemeinsam mit dem Countertenor KANGMIN JUSTIN KIM ist dies einer der stärksten Momente des ersten Teils, bevor sich langsam der Vorhang zur Pause schliesst. Überhaupt ist Kangmin Justin Kim für mich eine der grossen Entdeckungen dieser Produktions, was für eine Brillanz in der Stimme, was für eine überbordende Energie und Glaubhaftigkeit in seiner Rolle als Sesto – Bravo! Auch die beiden anderen Countertenöre sind famos: MAX EMANUEL CENCIC als Tolomeo, der zumeist leicht alkoholisiert daherkommt und immer auf einen Flirt oder eine plumpe Anmache aus ist, herrlich dieser eine Moment im Schlafzimmer (oder der Schiffskabine…) mit Cornelia im Partnerlook. Und natürlich der Cäsar von CARLO VISTOLI, virtuos in seinen Arien, darstellerisch manchmal etwas over the top, aber das ist natürlich Geschmacksache. Auch der Achilla von RENATO DOLCINI ist eine absolute Bereicherung in diesem Ensemble, mit seinem schönen Bariton und überzeugend, wie er sich wandelt, wie er vom durchtriebenen Mörderkumpan zum unglücklich Verliebten mutiert. Die Mitglieder des Opernstudios KARIMA EL DEMERDASCH als Nireno und EVAN GRAY als Curio sowie die Tänzer:innen SINA FRIEDLI, VALENTINA RODENGHI und FRANCESCO GUGLIELMINO komplettieren den Cast. Die Hauptattraktion ist und bleibt jedoch CECILIA BARTOLI, die nun schon seit so vielen Jahren auf der Bühne steht, mich erstmals 1994 als Cenerentola in München begeistert hat und nun, so viele Jahre später, immer noch auf unfassbar hohem Niveau singt und spielt. Natürlich hat sie auch immer wieder die selben Manierismen und weiss sehr wohl, was sie tun muss, damit ihr Publikum sie liebt. Aber alleine wegen ihrer grossen Arie „Piangerò“ im 3. Akt lohnt sich dieser Vorstellungsbesuch. Das ist so schön und bewegend, irgendwie bleibt die Zeit stehen und man starrt gebannt auf diesen ganz grossen und sehr berührenden Bühnenmoment – eine Ausnahmekünstlerin!

Und die von mir besuchte Vorstellung ist wohl auch von vielen Bartoli-Fans oder angekarrten Busladungen von Opernreisen frequentiert, denn in allen Ecken trifft man auf Apéros mit aufgepimpten, aufgerüschten Menschen, die in der Pause teilweise etwas wirr umherirren und sich nicht zurechtfinden, Alles in allem eine absolut hörenswerte Vorstellung, das ORCHESTRA LA SCINTILLA mit GIANLUCA CAPUANO am Pult spielt einen äusserst spritzigen Händel mit irgendwie interessant gesetzten Akzenten, die ich so noch nie gehört habe, es hat viele wirklich spannende Hörerlebnisse und (verfremdete?) Sounds sowie eine Zugabe noch obendrauf bei den Bows. Eben, eines ist schon jetzt klar – bei „Zürich Barock“ wird geklotzt und nicht gekleckert…
Whats next? – „Scylla et Glaucus“ von Jean-Marie Leclair im Rahmen des Festivals „Zürich Barock“.
Zuletzt besuchte Musiktheater-Vorstellungen:
550: Cardillac – Oper Zürich 21.02.2026
549: Cardillac – Oper Zürich 18.02.2026
548: Sillons de Mémoires – Oper Zürich Studiobühne 06.02.2026
547: Carmen – Oper Zürich 21.01.2026
546: Barbe-Bleue – Opéra de Lausanne 31.12.2025
545: Die Fledermaus – Oper Zürich 10.12.2025
544: La forza del Destino – Oper Zürich 26.11.2025
543: Hänsel und Gretel – Oper Zürich 20.11.2025
542: El Barberillo de Lavapiés – Theater Basel 05.11.2025
541: Pélleas & Mélisande – Grand Théâtre de Genève 02.11.2025
540: Der Rosenkavalier – Oper Zürich 01.10.2025