Gleich den Superlativ vorneweg: „Vier Jahreszeiten“, der erste Teil dieses Double Bill Abends, ist für mich eine der besten Arbeiten der letzten Jahre. Grossartig! Das zweite Stück „Echos“ steht dem in nichts nach, kommt komplett anders und absolut überraschend daher. Was für eine tolle Premiere! Absolut sehenswert!
Wer meinen Blog regelmässig liest, der weiss, dass ich ein sehr grosser Fan der Tanzkompanie St. Gallen bin und so gut wie keine der Produktionen verpasse! Es ist immer wieder schön an diesem Haus, zudem ist das Publikum viel interessanter, stylischer, cooler als in Zürich (zumindest an den Premierenabenden… in Abovorstellungen an Sonntagnachmittagen sieht das auch ganz anders aus). Anyway, mitten im STEPS Festival – Fieber setzt St. Gallen auf eine Premiere im grossen Haus (während sie zeitgleich gemeinsam mit dem Bern Ballett durch diverse Festival-Spielstätten touren). Dieser neue zweitgeteilte Abend ist wirklich eine Wucht, auch wenn ich zunächst dachte – oh, no, ausgerechnet MAX RICHTERs „Vier Jahreszeiten Recomposed“, die aktuell in so vielen verschiedenen choreografierten Versionen irgendwie zu sehen sind, aber letztendlich muss man ganz ehrlich sagen, diese Fassung ist einfach gut und immer wieder auch ein Hörerlebnis, noch dazu, wenn sie live gespielt aus dem Graben kommt. Alleine dafür lohnt sich schon die Anreise, denn das SINFONIEORCHESTER ST. GALLEN unter der Leitung des Gastdirigenten THOMAS HERZOG (der zuletzt einen tollen „Nussknacker“ in Basel dirigiert hat, Choreografie von Marco Goecke..) spielt diese wunderbar atmosphärische Bearbeitung Richters ganz exzellent, dazu als Solist ELIAS DAVID MONCADO an der Violine hat mir ausgezeichnet gefallen. Und im interessanten Setting von TINA TZOKA gibt es einen bewegenden, berührenden ersten Teil. Wunderbar wie FRANK FANNAR PEDERSEN und JAVIER RODRÍGUEZ COBOS uns die vier Jahreszeiten präsentieren, detailreich schon in der Ausstattung mit den vier Türen, mit den Lüftungs- oder Heizungsgittern, die sowohl Auftrittsmöglichkeiten bieten, als auch lichttechnisch interessante Schattenspiele werfen, LUKAS MARIAN hat – wie immer – den Raum wunderbar geleuchtet, was für ein abwechslungsreiches Spiel mit Licht und Schatten und die zarten Pastelltöne des Frühlings – love it! Und choreografisch habe ich schon lange nicht mehr so viel Emotion gesehen – dieser Sommer! – halleluja, was für eine geballte Ladung an Erotik und spürbarer Hitze, an Leidenschaft und schwitzig-schwülen Nächten mit schweissverklebten Körpern, die sich aneinanderreiben, ohne auch nur eine Sekunde plakativ und plump zu wirken. Das fand ich ausserordentlich gut, das fand ich grandios, wunderbar wie EMMA THESING, BENOÎT COUCHOT und LUIS MARTINEZ GEA im Rausch, in ihrer Ekstase diesen Raum bespielen, im Gegenzug dazu die ebenso erfahrbare Kälte, das Erstarren jeglichen Gefühls beim Winter und eben die zarten Töne, das sanfte Keimen des Frühlings. Und dann zuletzt ANDREA LIPPOLIS mit seinem Liebesgeständnis, das hat mich sehr berührt. Dieser Raum ist real und gleichzeitig auch Symbol für das Innenleben, für die Zustände, die jede Jahreszeit mit sich bringt und die man entweder verlassen kann oder eben darin verhaftet bleibt und erstarrt. Er bietet Schutz, hindert aber gleichzeitig am Leben draussen teilzunehmen. Starke Bilder, stark getanzt, hervorragend musiziert! Was für ein Auftakt für diesen neuen Tanzabend!

Nach der Pause dann ein komplett neues Setting – archaisch tauchen wir ein in die Natur, in die Bergwelt, in Urgewalten, die sich nicht nur tänzerisch in den Bewegungen manifestieren, sondern überwiegend und vordergründig durch die beiden Musiker CHRISTIAN ZEHNDER, einem Revolutionär des Obertongesangs, einem wunderbaren Vokalisten, und seinem Sohn TILL ZEHNDER, der für elektrische Musik und Sounddesign steht, getragen wird. Kraftvoll und ausdrucksstark tragen sie mit ihren beeindruckenden Klangwelten diesen zweiten Teil, man hat das Gefühl, dass dies alles aus der Tiefe kommt und sich auch tief im Inneren der Zuschauer:innen verankert, diese Ergriffenheit beim Anblick von nebelumwabernden Bergen und den Klängen und Geräuschen der Natur, fast geraten die Tänzer:innen etwas ins Hintertreffen, erobern sich aber immer wieder ihren ganz eigenen Platz, man hat Assoziationen von Urmenschen, von Dschungel, von der Entstehung des Lebens auf dieser Erde und von elementaren Erfahrungen, fernab unserer hochtechnisierten Welt, die aber natürlich in Form des Bandstands der beiden Musiker dennoch omnipräsent ist und irgendwie auch einen Gegenpart zu dieser Urgewalt bildet. Man muss sich darauf einlassen, auf diese Klänge, auf diese Bildsprache mit dem riesigen aufblasbaren Berg, der zuletzt dann doch in sich zusammenfällt, den der Mensch sich quasi untertan macht. Und zuletzt werden wir mit sphärischen Klängen und dem Mundart-Volkslied „Abendstern“ entlassen. Irgendwie entrückt geht dieser Abend zu Ende.

Und was bleibt? Ein Erstaunen über die Bildwirkung des Settings, die grandiosen Klänge der beiden Tonkünstler, die wunderschönen Kostüme von DÉSIRÉE MÜLLER, deren Prints inspiriert von regionaler Spitze und traditionellen Mustern, gleichzeitig absolut modern in ihrer Hightech-Anmutung von funktionaler Trekking-, Outdoorkleidung und abermals stimmungsvolles Licht von LUKAS MARIAN. Ein Abend mit zwei Arbeiten die gegensätzlicher nicht sein könnten und jede Choreografie auf ihre ganze eigene Art und Weise wundervoll! Und einmal mehr zeigt dieser Abend das Können und auch den Mut von FRANK FANNAR PEDERSEN und JAVIER RODRÍGUEZ COBOS, die für Konzept, Choreographie und Text in Zusammenarbeit mit diesem famosen Ensemble verantwortlich zeichnen. Was für ein grosses Glück für das Haus, hat Pedersen seinen Vertrag als Leiter der Sparte Tanz in St. Gallen bis 2030 verlängert. Ja, ich weiss, das war jetzt alles sehr euphorisch, aber ich muss zugeben, ich bin tatsächlich etwas verliebt in diese Tanz-Kompanie, die mich immer wieder begeistert und nach dem energiegeladenen „In the Brain“ von Hofesh Shechter am Vorabend in Zürich, war diese tolle Premiere in St. Gallen ein weiteres Highlight an diesem „Tanzwochenende“. Woohoo – lucky me.
What’s next auf meiner Tanz-Agenda? Sehr wahrscheinlich folgt nun eine etwas länger dauernde Tanz-Abstinenz bis zur Neuproduktion von Prokofjews „Romeo und Julia“ des Zürich Ballett in der Choreografie von Cathy Marston oder ich fahre doch kurzentschlossen noch nach Genf zu Edward Clugs Inszenierung von Rameaus Tanzoper „Castro und Pollux“ – en verra.
Zuletzt besuchte Ballett/Tanz-Produktionen:
Shechter II: In the Brain – STEPS / Theater Gessnerallee Zürich 13.03.2026
Timeframed: Forsythe/Valente/Foniadakis/van Manen – Zürich Ballett 25.01.2026
B.Dance: Alice – Theater Winterthur 17.12.2025
Der Nussknacker/Goecke – Ballett Basel Premiere 13.12.2025
Eyal/Arias/Tanzkompanie St. Gallen – Theater St. Gallen Premiere 29.11.25
Der Liebhaber/Goecke – Ballett Basel 09.11.2025
Béjart Ballet: Ballet for Life – Theater 11 Zürich 07.11.2025
Oiseaux Rebelles: Dani Rowe/Mats Ek – Zürich Ballett 31.10.2025
CCN Aterballetto/Marcos Morau: Notte Morricone – Theater Winterthur 02.10.2025
Countertime: MacMillan/Marston/Arias – Ballett Zürich 27.06.2025
Autographs: Pite/McGregor/Forsythe – Ballett Zürich 06.06.2025
Seeing Within Sights/TanzLuzern – Luzerner Theater 18.05.2025
Teile die Begeisterung für die St. Galler Compagnie. Habe aber erst für April ein Ticket und bin sehr gespannt!
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