Und dann, Romy Schneider. Directors Cut. – Theater Neumarkt 01.03.2026

Was für ein grossartiger Text auf der Bühne des Theater Neumarkt – GUILLAUME POIX’s „Und dann, Romy Schneider“, von Regisseurin MANON KRÜTTLI über zwei Abende hinweg inszeniert und nun als Directors Cut – quasi Zwei zum Preis von Einem – komplett zu sehen. Das Ensemble ist brillant, die Umsetzung super! Das muss man sehen…!

Man weiss nicht so recht, was einen erwartet, wenn man weder Teil 1, noch Teil 2 gesehen, sondern sich für den Directors Cut entschieden hat. Und so sitzt man im Saal, inmitten des interessant gestalteten Settings und harrt der Dinge. Wurde zuletzt auf der Webseite noch eine Dauer von 3-4 Stunden kommuniziert, so ist die Ansage von Intendant Mathieu Bertholet etwas kürzer, aber auch nicht präziser mit ca. 1,5 – 2,5 Stunden angegeben und dem Hinweis, dass man die Vorstellung auch verlassen kann, wenn man nicht mehr möchte. Aber schnell wird klar, dass man diese Produktion keinesfalls vorzeitig verlassen möchte, denn direkt von Anbeginn ist dieser Abend packend, spannend, toll, absolut sehenswert, egal ob man nun einen Bezug zu Romy Schneider hat oder nicht. Nach „Gilberte de Courgenay“ hat mich nun auch diese Produktion in der ersten Spielzeit unter neuer Leitung absolut begeistert. Bereits der dreissig Minuten dauernde Anfangsmonolog von SHABNAM CHAMANI ist grossartig, kurzweilig, eine interessante Collage an Textfragmenten!

Man erlebt den Neumarkt-Saal in ungewohnt reduzierter, aber sehr schöner Ausstattung von ANNA WOHLGEMUTH & LEONARD EHRENZELLER und mit den wunderschönen Kostümen von ANNA PACCHIANI (love it! – auch die Überzieher für die Jelinek-Szene…), die Besetzung ist toll, präsent, spielfreudig, textverständlich im Französischen wie im Deutschen und stellenweise urkomisch (vor allem LISA URSULA TSCHANZ). Zu uns sprechen die Rollen aus 63 Filmen – wie wir erfahren, alle von Männern gedreht – und wir erfahren viel von Romys Befindlichkeiten, der Nazivergangenheit ihrer Familie, ihren Männern, aber auch Zeitgeschehen und feministische Fragen werden abgehandelt, der Text ist, kann man fast sagen, universell und wenn dann zuletzt Romy als Silhoutte vor den (sehr schön) beleuchteten Vorhängen steht und abgeht, so brennt sich dieses Bild ein und man wünscht sich fast, er möge doch noch etwas dauern, denn auch der Schlussmonolog ist ganz wunderbar. Und so vergeht die Zeit (wider erwarten) wie im Flug. Kurz vor dem Ende dann noch, fast schon eine Exkursion, dieser Pseudo-Jelinek-Text – gewohnt feministisch und politisch – hier aber als schnell trashige Comedy inszeniert, das ist famos und zum Schreien komisch. Elfriede Jelinek hat sich mit ihrem essayistischen Text „Die Kaiserin ohne Möglichkeit“ (in der Publikation Film-Konzepte 13 von 2009), kritisch mit dem Mythos und der Wahrnehmung von Romy Schneider in der Öffentlichkeit auseinandergesetzt, aber wie Romy zitiert wird: „Das meiste, was über mich geschrieben wurde, sind Lügen“ kann man auch hier davon ausgehen, dass es sich um eine schräge Erfindung handeln dürfte, eine Groteske, eine witzige und temporeiche Persiflage von Szenen aus „La Piscine (Swimmingpool)“ von 1969, dem Film schlechthin, wenn man an Alain Delon und Romy Schneider denkt (obwohl sie da schon gar kein Paar mehr waren…). Und auch wenn Romy eine Figur aus längst vergangenen Zeiten ist, es gibt so viele brandaktuelle Themen, die ebenfalls fast wie beiläufig abgehandelt und thematisiert werden, nochmals – der Text von Guillaume Poix ist grossartig! Im Programmzettel liest man, dass die Regisseurin diese Monolog-Komposition als „Sprachinstallation“ versteht und ja, genau so ist das, es fühlt sich an wie eine Partitur, sehr musikalisch, grossartig rezitiert, gespielt, gelebt von CHADY ABU-NIJMEH, ANOUK BARAKAT, MARTIN BUTZKE, SHABNAM CHAMANI, MIRIAM JAPP, MAXIMILIAN REICHERT, MAX KRAUS und YANN PHILIPONA. Und auch wie bei „Gilberte de Courgenay“ ist es ein zweisprachiger Abend (bietet sich natürlich auch bei Romy an) und genau das finde ich wunderbar, sicherheitshalber verteilt man vorher an der Tür noch die Übersetzungen der französischen Passagen ins deutsche, aber man mag fast gar nicht nachlesen, ob man alles versteht, denn so schön sind die französischen Momente von Yann Philipona und Chady Abu-Nijmeh, man könnte den beiden ewig zuhören. Und was mir auch noch ganz wunderbar gefallen hat – sämtliche Schauspieler:innen geben mir das Gefühl, genau und nur für mich zu spielen, so oft blicken sie einem direkt in die Augen, das ist so nahbar, so greifbar, so real, das hat eine ganz eigene Qualität. WAs für eine tolle Produktion, man liest es, ich bin ganz hin und weg. „Und dann, Romy Schneider“ ist ein wirklich sehenswerter Theaterabend! Bravi!

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