Timeframed: Forsythe / Valente / Foniadakis / van Manen – Ballett Zürich 25.01.2026

Mit einem hinreissenden neuen Ballettabend eröffnet das Ballett Zürich das neue Jahr 2026 – zu sehen sind vier Choreographien, die unterschiedlicher nicht sein könnten: WILLIAM FORSYTHEs „New Suite“ von 2012 und HANS VAN MANENS „Live“ von 1979 bilden den Rahmen für die beiden Uraufführungen „Bare“ von LUCAS VALENTE und „Orbit“ von ANDONIS FONIADAKIS. Das sind wunderbare und absolut sehenswerte 150 Minuten Tanz!

Zunächst die grosse Frage, die sich mir stellt: wie nennt sich nun ein Abend mit vier Choreografien, da es sonst ja immer Double-Bill oder Triple-Bill-Abende sind. Das Netz (bzw. mein recherchierender Mann) sagt mir: Quadruple und in dem Moment, in dem ich dieses grässlich-technische Unwort lese, will ich es vergessen und mich auf einen absolut spannenden Abend freuen. Der Abend beginnt mit „New Suite“, einer Aneinanderreihung von acht Pas de deux aus drei Forsythe-Balletten. Zu den Musiken, von Händel, Berio und Bach sehen wir also völlig entschlackten, vom grossen Ganzen losgelösten, aufs Wesentliche reduzierten Tanz in den fast wie Trainingskleidung anmutenden Kostümen von YUMIKO TAKESHIMA und einem Minimum an Licht (Bühne und Lichteinrichtung: TANJA RÜHL). Diese Reduktion ermöglicht eine unglaubliche Konzentration auf die unterschiedlichen Paare und die für Forsythe so typischen modern anmutenden Bewegungsabläufe kombiniert mit klassischen Elementen auf Spitze. Diese doch sehr anspruchsvollen Pas de deuxs werden von AYAHA TSUNAKI/JOEL WOELLNER, MAX RICHTER/BRANDON LAWRENCE, CAROLINE PERRY/DUSTIN TRUE, DANIELA GÓMEZ PÉREZ/IACOPO ARREGUI, NANCY OSBALDESTON/CHARLES YOSHIYAMA, IRMINA KOPACZYNSKA/JESSE FRASER, INNA BILASH/ESTEBAN BERLANGA und SHELBY WILLIAMS/SEAN BATES hervorragend getanzt!

Nach der ersten Pause dann die beiden Uraufführungen von Lucas Valente und Andonis Foniadakis und das sind wohl die absoluten Knaller des Abends. LUCAS VALENTE, der viele Jahre in Zürich als Tänzer zu erleben war (und manchmal noch ist…), ist steil auf dem Weg nach oben als Choreograph, zuletzt schon sehr überzeugend 2024 mit einer Arbeit auf der Studiobühne: „I don’t want this Poem to end“ (siehe auch „Next Generation„) oder auf der Hauptbühne des Opernhauses: „Point of no return“ im Triple-Bill „The Butterfly Effect„. Seine Arbeit „Bare“ ist wirklich absolute next Generation in der Choreografen-Riege, führt den Tanz nochmals in eine andere Dimension. Hier merkt man seine Wurzeln, hier sieht man einen neuartigen Stil, eine Mischung aus kraftvollem Hip-Hop und Capoeira, kombiniert mit einem speziellen Soundtrack, basierend auf dem Metronom, aus den Stimmen, Geräuschen, dem Atem der Tänzer:innen, all dies vereint sich zu einer energiegeladenen und fast explosiv wirkenden Mischung, die in den Zuschauerraum wohl bis in die letzten Winkel überschwappt. Kraftvoll bis zur letzten Sekunde agiert das Ensemble und Juniorballett. Interessante Kostüme von CHRISTOPHER PARKER, tolles Sounddesign von DANIEL LUTZ und sehr atmosphärisches Licht von MARTIN GEBHARDT. Zu Recht erhält das Stück von Valente den grössten Applaus und mehrere Vorhänge, was für ein Impact! Wow! Das ist so modern, das ist so energetisch und umwerfend!

Atemlos sitzt man im Saal, kurze Verschnaufpause, bevor es in ebensolchem Tempo mit „Orbit“, der neuen Arbeit von ANDONIS FONIADAKIS weitergeht. Ich erinnere mich noch sehr gut an die erste Arbeit, die ich von ihm in Basel 2023 gesehen habe (siehe „Explosiv“ – ein Double Bill mit Alexander Ekman). Erster Hingucker, an dem man sich nicht satt sehen kann, sind die Kostüme/Trikots von ANASTASIOS SOFRONIOU, die mich ein wenig an längst vergangene Eiskunstlaufzeiten erinnern – love it! Duette, Dreier, ganze Gruppen, dann wieder alleine wirbeln die acht Tänzer:innen (Bravi! – CAROLINE PERRY, JESSE FRASER, INNA BILASH, SEAN BATES, DANIELA GÓMEZ PÉREZ, DUSTIN TRUE, ALYSSA PRATT und HARRY ASHTON-IRELAND) in unglaublichem Tempo durch dieses Stück, durch die Zeit, eine Melange aus glitzerndem Sternenstaub und Umlaufbahnen, dazu die betörenden Musiken von Bryce Dessner (dessen Werke ich seit seinem creative chair 2023/24 in der Tonhalle kennen und lieben gelernt habe…) und Ludovico Einaudi. Fast ist man ein wenig gestresst, weil man Angst hat, bei diesem Tempo nicht alles mitzubekommen. Grandios!

Und danach die zweite und sehr nötige Pause, Zeit zum Durchatmen, Luft holen, bevor der Abend mit „Live“ des leider im Dezember verstorbenen HANS VAN MANEN weitergeht und endet. Für mich trotz der Modernität des Mittelteils ist dies das Highlight des Abends. Denn in dieser sehr speziellen Videoarbeit sieht man alles, was Tanz an Emotionen zu bieten hat, es ist quasi die Quintessenz des Tanzes. So empfinde ich das. Zu Beginn bin ich noch etwas irritiert, kann mich nicht entscheiden, ob ich den live-Bewegungen der Tänzerin AYAHA TSUNAKI oder der live-Projektion folgen soll, beides hat seine Qualität. Ich schwanke immer ein wenig hin und her, gebannt von den Close-Ups bin ich natürlich auf der Leinwand, später dann die Füsse, die Spitzenschuhe, die Markierungen auf dem Tanzteppich in Nahaufnahmen. Das ist faszinierend und packend. Die Beziehung zum Tänzer KAREN AZATYAN, dieses hin und her, diese Szene, dieses Pas de deux im Eingangsbereich des Hauses, dort, wo man vor ein paar Minuten noch mit seiner Coke Zero stand, diese spürbare Konkurrenz zwischen ihm – dem Tänzer – und dem Kameramann KARIM FAWAZ, zuletzt die Flucht der Tänzerin aus dem Theater, der leise Abgang, der Weg hinaus in die Einsamkeit der Nacht auf den grossen Sechseläuten-Platz vor dem nächtlichen Opernhaus. Diese Bilder in schwarz-weiss erinnern mich ein wenig an die grossartigen Fotografien von Robert Doisneau und brennen sich mir ein. Begleitet wird diese Stück, das mich an ein Kammerspiel erinnert, live von KATERYNA TERESHCHENKO am Klavier (verschiedene Stücke von Franz Liszt). Das ist so zeitlos, naja nicht ganz, die Rollenklischees Mann/Frau sind schon nicht mehr up to date und zeitgemäss und etwas verstaubt, die Strukturen und Abhängigkeiten in einer Beziehung so wie wir sie in diesem Stück sehen, sind jedoch immer noch aktuell, zeitlos und überzeugend.

Das Stück hinterlässt bei mir einen bleibenden Eindruck. Die Close-Ups von Ayana Tsunaki haben sich in meine Netzhaut eingebrannt. Was für eine immense Bandbreite an choreografischen Arbeiten in diesen zweieinhalb Stunden, nachhaltig, wunderbar getanzt und absolut sehenswert!

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