Hekabe – Schauspielhaus Zürich Pfauen 18.01.2026

Wie kann es sein, dass man nach all den ausverkauften Schiffbau-Vorstellungen der wunderbaren Produktion „Il Gattopardo“ dann im Pfauen in der ebenso sehenswerten Vorstellung von „Hekabe“ im ziemlich leeren Saal sitzt? Sind antike Dramen out…?

Das kann nicht sein, denn die wenigen anwesenden Zuschauer:innen folgen gebannt diesem Text, diesem ziemlich düsteren Stück. Hekabe, Gattin des getöteten Priamos, ist gemeinsam mit anderen Frauen Teil der Kriegsbeute und gefangen im Inneren eines Schiffsrumpfes (Bühne: MÁRTON ÁGH), draussen tönt die Bassline eines Konzertes, eines Festivals, die Sieger feiern den Erfolg. Im Innern des Schiffes herrscht Dunkelheit, Beklemmung und Trauer. Zunächst muss Hekabe ihre Tochter Polyxena (LORENA HANDSCHIN) opfern, danach wird ihr Sohn tot angeschwemmt, an dessen Überleben die Mutter sich klammerte. Nun ist jede Hoffnung fort, es bleibt nur die Rache, die Genugtuung, auch anderen Leid zuzufügen. Sie tötet die Kinder und blendet Polymestor (SIMON KIRSCH), der eigentlich für die Sicherheit des Sohnes verantwortlich war. Soviel zur Handlung gemäss Euripides, doch das griechische Regieduo ANGELIKI PAPOULIA und CHRISTOS PASSALIS zeigen uns viel mehr, sie verorten die Handlung zwischen dem Altertum und der heutigen Zeit, sie thematisieren das grosse Thema Flucht und Vertreibung, heute allgegenwärtig und manchmal beschwören sie vielleicht auch das Gestrige als etwas Besseres, etwa wenn Agamemnon (wunderbar: MATTHIAS NEUKIRCH) den Song „Yesterday“ anstimmt und etwas Melancholie durch die Düsternis wabert, aber diese guten alten Zeiten sind vorbei, es gewinnt der Stärkere. Und Hekabe wird zur einsamen Rächerin. Es ist ein interessantes, ambivalentes Rollenporträt, was uns YVON JANSEN als Hekabe da präsentiert, sie wirkt unnahbar, manchmal fast schon stoisch, stellenweise eiskalt. Und doch nimmt man ihr die Trauer um ihre beiden Kinder ab, fühlt mit ihr und kann den Wunsch nach Rache verstehen. Begleitet wird sie von ihrer Dienerin (LENA SCHWARZ) und weiteren Troerinnen aka Chor (HILKE ALTEFROHNE und LAINA SCHWARZ). Interessant auch die Doppelung von Talthybios (HENRI MERTENS und MERVAN ÜRKMEZ) – ein queeres Duo, was nichts mit der neuen Macht anzufangen weiss und stattdessen albern und leichtsinnig durch den Schiffsrumpf geistert, ohne Plan, ohne Ziel und ziemlich sicher bald das nächste Opfer. Und selbst Odysseus (LUKAS DARNSTÄDT) wirkt planlos und stammelt hilflos vor sich hin, ein griechischer Held sieht anders aus. Die Kostüme VON KATRIN WOLFERMANN samt interessanten Geweihen und Tiermasken geben der Düsternis noch zusätzlichen Pathos und eine Archaik, die sich ganz wunderbar mit der wabernden Soundcollage von NICOLAS FEHR und den teilweise verzerrten Stimmen verträgt, eine stimmige Einheit bildet. Ich finde „Hekabe“ einen sehr inspirierenden Abend, auch wenn doch vieles rätselhaft und ungelöst bleibt. Das ist aber auch in Ordnung. Wie gebannt blickt man auf diese Handlung, ein wenig voyeuristisch, manchmal etwas verstört, wenn mehrmals Leichensäcke auf die Bühne plumpsen, auf die Bühne gezerrt werden und dann am Haken kurze Zeit darauf im Schnürboden wieder verschwinden. Und nach all den Dramen und Toten gibt es zuletzt wohl doch noch ein Zeichen der Hoffnung – ein Baum samt gut verpacktem Wurzelballen senkt sich aus dem Schnürboden auf die Bühne. Zeit ihn anzupflanzen und zu hoffen, dass Gras oder eben ein Baum über die Sache wächst. Das kommt fast ein wenig plötzlich und unerwartet und irgendwie irritiert ist man am Ende des Stückes angelangt. Offen bleibt die Frage der Vergebung, der Sühne und ob man nun einfach so weitermachen kann und will, als wäre nichts gewesen.

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