Die erste neue Ballett-Produktion der Saison: mit „Oiseaux Rebelles“ zeigt das Zürich Ballett einen Double Bill Abend mit der wunderbaren „Carmen“ des Altmeisters MATS EK und die Uraufführung „Vestige“ der australischen Choreographin DANI ROWE….
Der Abend startet mit der Arbeit Dani Rowes, die sich in ihrer Choreografie mit Modest Mussorgskys Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ (hier in der Orchesterfassung von Maurice Ravel) auseinandersetzt, dabei besichtigt der Zuschauer keine Galerie sondern ein Leben, in episodenhaften Visionen, eine Aneinanderreihung von Eindrücken, Momenten, Begebenheiten der Hauptfigur „Human“, getanzt von MAX RICHTER. Richters erster Auftritt gleich zu Beginn mit den mächtigen Akkorden der Musik Mussorgskys ist raumgreifend und von überragender Präsenz, Richter nimmt sich die Bühne, ist alleine auf der Bühne, füllt diese komplett. Was wir danach sehen sind Momentaufnahmen, von denen man nur erahnen, besser raten kann, was diese oder jene Szene erzählt, alles umweht von einem Hauch Mystik, vereinzelte Personen tragen weisse Schleier, sind es Erscheinungen, Bezugspersonen von „Human“? Die zweite Soloposition „Him“ tanzt KAREN AZATYAN, der jedoch neben Max Richter etwas verblasst. Getanzt wird zwischen vom Schnürboden hängenden Bilderrahmen. also doch noch etwas Konkretes und zuletzt öffnet sich die schwarze Operafolie im Bühnenhintergrund und wir sehen einen goldenen Streifen Licht – ist es gar eine Befreiung, eine Erlösung (Bühne: JÖRG ZIELINSKI)? Obwohl es sich bei Mussorgskys Zyklus um Programmmusik handelt, ist diese getanzte Version Dani Rowes vollkommen frei von einem Handlungs- oder Erzählstrang und der individuellen Assoziation des Betrachters überlassen. Für mich erschliessen sich nicht viele Dinge, ich nehme die Umsetzung wie sie gerade kommt, das ist nicht weiter tragisch, denn diese Mischung aus grossen kraftvollen Ensembles, vielen Sprüngen, langen weissen Tutus aus einer längst vergangenen Zeit (Kostüme: LOUISE FLANAGAN) und auch etwas Volkstümelei hat etwas ganz Eigenes, Spezielles – eine klare choreographische Handschrift Dani Rowes sucht man jedoch vergebens, vielmehr hat man das Gefühl, sie versucht alles zu bedienen.

Das Stück wäre jedoch etwas beliebig, ja fast langweilig, wäre da nicht Max Richter – omnipräsent und anmutig (wie immer) und nach dem grossartig getanzten Solo am Schluss wünscht man sich fast, „Vestige“ wäre kein Ensemblestück, sondern man hätte die ganzen 35 Minuten nur Max Richter auf der Bühne.


Mussorgskys Musik erscheint mir vor allem zu Beginn sehr trocken und dynamisch, dies ändert sich nach der Pause zur wirklich grossartigen Bearbeitung von Bizets „Carmen“-Musiken des erst im August 2025 verstorbenen Rodion Schtschedrin (der, so habe ich gerade im Netz gelesen der Ehemann der grossen Primaballerina Maja Plissezkaja war). Diese Musik ist wohl die allerbeste Grundlage für eine frische, witzige, pointierte „Carmen“, fernab vom üblichen Kitsch und so ist man sofort nach Einsatz des Orchesters gebannt und gefesselt und kann sich diesem Klassiker von Mats Ek (1992 für das Cullberg -Ballett entstanden) kaum entziehen. Von Ek gab es seit über 10 Jahren kein Werk mehr in Zürich zu sehen (zuletzt „Dornröschen“ 2014). In Eks Carmen-Interpretation wird geraucht ohne Ende, auf die sonst üblichen Gender-Klischees wird weitgehend verzichtet, sie ist keine Feministin, keine Femme Fatale, sie ist eine junge lebens- und liebeshungrige Frau – im Grunde genommen absolut modern und wegweisend zur damaligen Entstehungszeit, das erklärt auch, warum dieses Stück so gut gealtert ist und an seiner Frische und seinem Humor nichts eingebüsst hat. Ziemlich nah an Prosper Mérimées Erzählung beginnt und endet diese Interpretation mit der Hinrichtung Don Josés, er erinnert sich an seine Liebe zu Carmen in einem Setting mit übergrossen stilisierten Fächern (und den so typischen Punkten, die man von den spanischen Flamenco-Puppen kennt) und kitschig-bunten Outfits der Frauen, köstlich die Überhöhung von Escamillo, einem eitlen Gockel in goldenen Hosen, ein absoluter Hingucker (Ausstattung: MARIE-LOUISE EKMAN), wunderbar interpretiert von JOEL WOELLNER und herrlich gleich zu Beginn die Habanera mit den rauchenden Männern und ihren überdimensionalen Zigarren. Hier war ein Mann eben noch ein Mann – muahaha. NEHANDA PÉGUILLANs Carmen ist selbstbewusst und wild, nimmt sich was und wen sie gerne hätte, in einer Szene wirbelt sie wie der Wind über die Bühne, insgesamt bleibt sie als Figur dennoch traditionell und im Tanz hingegen sehr zeitgenössisch, nach den vielen auf Spitze getanzten Sequenzen in Dani Rowes Stück, erscheinen einem diese mit flachen Füssen getanzten Momente so unglaublich modern. WEI CHEN ist ein kraftvoll tanzender Don José, der leider in dieser Umsetzung nicht so viel hergibt, wie sein Widersacher Escamillo (eigentlich auch klar, sonst wäre Carmen ja bei ihm geblieben…), interessant hingegen ist die Figur M… (AYAHA TSUNAKI), die immer wieder mit einer ganz eigenen Tanzsprache auftaucht, kommentiert, die Handlung weitertreibt, eingreift, jedoch ist nicht ganz klar, wer oder was sie ist – Mercedes, Muse, Mutter – whatever? Egal, sie ist Dreh- und Angelpunkt des Dramas. In weiteren Rollen: JORGE GARCÍA PÉREZ als Hauptmann und KILIAN SMITH als Dancaire. Die musikalische Leitung des Abends lag bei MATTHEW ROWE, es spielte das Orchester der Oper Zürich, wie es nun wieder heisst – Schtschedrins „Carmen-Suite“ klang sehr differenziert und vor allem die vielen Solos kamen präzise und akzentuiert, den Mussorgsky fand ich – wie erwähnt – etwas trocken und dynamisch, für meinen Geschmack fast etwas zu getragen. Insgesamt ein interessanter Abend, der thematisch um zwei starke Frauenfiguren – rebellische Vögel – kreist, getanzt von allen auf hohem Niveau.
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