Lost Letters/Lucia Lacarra – Bayerische Staatsoper München 13.04.2025

Im Rahmen der Ballettfestwoche 2025 kehrt die frühere Prima Ballerina des Bayerischen Staatsballetts LUCIA LACARRA gemeinsam mit ihrem Partner MATTHEW GOLDING und ihrer Compagnie mit dem Stück „Lost Letters“ für ein komplett ausverkauftes Gastspiel in der Bayerischen Staatsoper zurück an ihre ehemalige Wirkungsstätte…

Natürlich war der Saal voller Fans und ehemaliger Bewunderer, die gar sehr unkritisch am Schluss mit Standing Ovations und lang anhaltendem Jubel den ehemaligen Star und „Dancer of the Decade“ (2011) feierten, dies kann jedoch nur aus sentimentalen Gründen geschehen sein, denn die Produktion selbst ist ziemlich geschmäcklerisch und schon lange habe ich nicht mehr eine derartig langweilige Produktion gesehen, die knapp 70 Minuten waren gefühlt schlichtweg unendlich. Natürlich steht Lacarra im Mittelpunkt dieser eher dürftigen, grauenhaft kitschigen Story, die zusätzlich mit acht spanischen Tänzer:innen etwas aufgepeppt wird, diese haben aber (leider) wenig interessante Auftritte, sind wirklich nur „Füllmaterial“ und Staffage damit Lacarra und Golding auch die Möglichkeit haben sich umzuziehen und durchzuatmen und nicht permanent auf der Bühne sein müssen. Natürlich wird Lacarra permanent gefeatured, ist auch die einzige Tänzerin, die Spitzenschuhe trägt und beobachtet man ihre Füsse, so muss man unumwunden zugeben, dass sie immer noch perfekt geführt sind.

Lost Letters basiert auf einem echten Brief, den der Kanonier Frank Bracey im Ersten Weltkrieg an seine Frau Win schrieb. In dieser Produktion wird die Frage gestellt, wie das Schicksal dieser Frau verlaufen wäre, wenn sie nie einen Brief ihres geliebten Mannes erhalten hätte.

Sämtliche getanzten Handlungen werden 1:1 gedoppelt mit einem vorproduzierten Film auf der Operafolie im Hintergrund projeziert und man fragt sich warum muss das sein, was soll das? Hat man kein Vertrauen in die zugegebenermassen sehr dürftige und belanglos erscheinende Choreographie von Matthew Golding? Und es ist tatsächlich so, dass man häufig eher auf den Film schaut, der mit starken emotionalen Bildern, sehr schönen Landschaftsaufnahmen und dem tosenden Meer glänzt, als den Bewegungen der Tänzer folgt. Ich kann diese konzeptionelle Entscheidung nicht nachvollziehen, das zieht viel zu sehr den Fokus weg vom Tanz und der Effekt verpufft ziemlich schnell. Am schlimmsten jedoch ist eine knapp 20 Minuten dauernde KI generierte Sequenz eines Mohnfeldes, die wie ein Microsoft Bildschirmschoner daherkommt und mit der zum Einschlafen idealen Musik von Max Richter unterlegt ist. Dazu gibt es nach einem grossen Auftritt Lacarras mit rotem Bodentuch, im roten Kleid, unzählige Lifts und diverse Hebefiguren, Verlängerungen, wunderschön anzusehende Arabesken, aber keine Steigerung, durch die Musik bedingt sehr lyrisch im Ausdruck, alles sehr repetitiv und eben in dem Masse, was bei einer Tänzerin bzw. ihrem Partner Golding in diesem Alter noch machbar ist – das jedoch alles auf ganz hohem Niveau, man kann erahnen, was für eine grossartige Tänzerin sie war (und mit den ihr nun zur Verfügung stehenden Möglichkeiten durchaus auch noch ist). Das ist ganz schön, aber neverending und somit ist sehr schnell der Punkt erreicht, an dem man sich wünscht, es möge nun endlich zu Ende sein. Leider muss man aber noch eine wirklich furchtbare Unterwasser-Sequenz (ebenfalls wieder mit grossen Bodentüchern) über sich ergehen lassen, bis sich endlich der Vorhang schliesst und das Ende offen bleibt. Hat sie denn nun ihre grosse Liebe nochmals wieder getroffen oder war es nur der zu sehende Wunschtraum, während sie ihr Leben freiwillig beendet und in die Wellen geht? Man weiss es nicht. Man will es auch gar nicht wissen. Diese Produktion gibt künstlerisch und auch choreographisch wenig her und man muss schon ein ausgesprochener Fan von Lacarra sein, um sich das anzutun – es sind 70 Minuten grässlicher Kitsch, mehr leider nicht. Die vom Band kommende Musik von Rachmaninows wunderbarem Klavierkonzert in c-Moll und Max Richters Musik sind da auch nicht besonders hilfreich.

Nach dem wirklich wunderbaren Triple-Bill „Wings of Memory“ am Vorabend geht mit diesem Gastspiel die Ballettfestwoche also leider mit einem künstlerisch sehr enttäuschenden Abend zu Ende, für alle Lacarra-Fans war es wohl einfach ein melancholisches Wiedersehen, denn ernsthaft kann man diese Produktion nicht bejubeln.

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