Ocean Vuong – Auf Erden sind wir kurz grandios.

Bei seinem Erscheinen von der Literaturkritik ausnahmslos gefeiert, nun als Taschenbuch erschienen, lag das Romandebüt von Ocean Vuong etwas länger auf meinem Lesestapel, bevor ich es nun endlich (!) zur Hand genommen habe und fast nicht mehr weglegen konnte – was für eine Sprachgewalt, was für eine fast schon kunstfertige Wucht, mit der man Leser mitgerissen wird…

Es ist die Vielseitigkeit der Themen, die Klarheit der Sprache und vor allem die Poesie, die das Werk durchzieht. Seine bildhaften und eindringlichen Beschreibungen machen diesen Roman, der im Grunde genommen von seiner Form her ein langer Brief an seine Mutter ist, so spannend und lesenswert. Vom bewegenden Abschied von seiner Grossmutter, bis hin zu ersten sexuellen Erlebnissen als schwuler Mann und der Tragik seiner ersten großen Liebe – Vuongs Sprache (und die wohl auch sehr geglückte Übersetzung von Anne-Kristin Mittag) sind hinreissend, man kann sich dieser Sprache nicht entziehen. Dieses Romandebüt ist eben keine der üblichen Migrationsgeschichten mit den oftmals nervigen Klischees, sondern fast schon ein neues Genre, eine wundervolle Melange aus prägnanter punktgenauer Lyrik und beschreibender, verkürzter Prosa mit stellenweise berückend schöner Sprachgewalt.

Die Tochter eines amerikanischen Soldaten und eines vietnamesischen Bauernmädchens ist Analphabetin, kann kaum Englisch und arbeitet in einem Nagelstudio. Sie ist das Produkt eines vergessenen Krieges. Der Sohn, ein schmächtiger Außenseiter, erzählt – von der Krankheit der Großmutter, den geschundenen Händen der prügelnden Mutter und seiner tragischen ersten Liebe zu einem amerikanischen Jungen. Ocean Vuong schreibt mit traumhafter Klarheit von einem Leben, in dem Gewalt und Zartheit aufeinanderprallen. (btb Verlag)

„Auf Erden sind wir kurz grandios“ ist der erste Roman von Ocean Vuong, für seine Lyrik wurde er schon früh mehrfach ausgezeichnet, zuletzt erschien bei Hanser sein Gedichtband „Nachthimmel mit Austrittswunden“. Sein erster Roman mit all seiner Empfindsamkeit, seiner Queerness, seiner hohen Emotionalität und dennoch stellenweise nüchternen Schilderung einzelner dramatischer Begebenheiten beeindruckt und macht grosse Hoffnungen auf weitere spannende Werke von Ocean Vuong.

„Auf Erden sind wir kurz grandios“ von Ocean Vuong, als Taschenbuch 2021 erschienen, btb Verlag, ISBN: 978-3-442-77008-3 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim btb Verlag (Randomhouse) sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

Zuletzt gelesen:

William Boyd – Trio

Eva Menasse – Dunkelblum

Hervé Le Tellier – Die Anomalie

Fernanda Melchor – Paradais

Walter Tevis – Das Damengambit

Leila Slimani – Das Land der Anderen

Mona Horncastle – Josephine Baker

Ewald Arenz – Alte Sorten

Lukas Hartmann – Schattentanz

Sasha Filipenko – Der ehemalige Sohn

6 Kommentare

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