Sara Mesa – Quasi.

In unserer heutigen Gesellschaft herrschen feste Prinzipien. Eine davon lautet, dass die Freundschaft zwischen einem älteren Mann und einem sehr jungen Mädchen unnormal sein muss, nur unnormal sein kann, den Normen nicht entspricht. Davon handelt der neue und interessante Roman der spanischen Autorin Sara Mesa…

„Quasi“, so der Titel des Romans, ist ein schmales Bändchen, das von den Dingen lebt, die eben nicht erwähnt werden, sondern über oder unter allem schweben, angedeutet werden, sein könnten – in der Phantasie des Lesers. Oder eben auch nicht. Hier stellt man einmal mehr fest, wie sehr man doch von vorgefertigten Meinungen bestimmt ist. Gleich kommt einem „Lolita“, Missbrauch und Sexualität in den Sinn. So sind wir mittlerweile geprägt. Das macht die Qualität von „Quasi“ aus. Die Autorin bleibt frei von Verurteilungen, diese soll sich jeder Leser doch Bitteschön selbst bilden – oder eben nicht. Und genau aus diesem Grund bleibt man als Leser auch dran. In klarer Sprache erzählt Mesa von zwei Aussenseitern.

Von außen ist das Versteck zwischen Büschen und Bäumen nicht zu sehen. Jeden Tag begegnen sich dort ein junges Mädchen und ein deutlich älterer Mann. Die magnetische Geschichte einer Beziehung, die nicht vorgesehen ist – und ein doppelbödiger Roman, in dem vieles anders ist, als es scheint. Alles beginnt im Spätsommer, in einem Park. Als er plötzlich vor ihr steht, fühlt sie sich überrumpelt. Quasi ist »quasi vierzehn« und schwänzt nicht zum ersten Mal die Schule. Der Alte ist freundlich, schüchtern fast, gar nicht wie die anderen Männer, denen sie schon begegnet ist. Am nächsten Tag kommt er wieder. Der Alte liebt nichts mehr als Vögel und die Musik von Nina Simone, arbeiten will er nicht. Quasi glaubt, allein zu sein in der Welt, die Gleichaltrigen sind ihr fern und fremd. Sie findet sich uninteressant, wäre gern abenteuerlustiger, vielleicht verführerischer. Den Alten scheint das nicht zu kümmern. Aber was steckt dann hinter den »falschen Verdächtigungen«, von denen er erzählt? Tage und Wochen vergehen so: redend und schweigend im Gebüsch, und zugleich wächst die Gefahr, entdeckt zu werden – von den Eltern, der Schulbehörde oder anderen Parkbesuchern. Quasi weiß, dass etwas passieren muss … (Verlag Klaus Wagenbach)

Zwei Aussenseiter, beide wollen ausbrechen, frei sein. Wie die Vögel, für die sie sich interessieren. Für die Gesellschaft ist die „Schuldfrage“ geklärt, es kann sich nur um den „Alten“ (wie Quasi ihn nennt…) handeln. Er wird hier klar vorverurteilt. Als Leser stellt man sich natürlich auch diese Frage, bereits ab Beginn des Romans, wohin das wohl führen wird. In klarer Sprache und mit vielen schönen Erzähldetails geschrieben, dringt man als Leser in den Kosmos dieser eigenartigen Beziehung ein und beobachtet, fühlt sich ein wenig als Voyeur. Unprätentiös das Bändchen, aber es macht nachdenklich und bleibt haften.

„Quasi“ von Sara Mesa, 2020, Verlag Klaus Wagenbach, ISBN 978-3-8031-3321-2 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Verlag Klaus Wagenbach sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

Zuletzt gelesen:

Madeline Miller – Das Lied des Achill

Eduard von Keyserling – Wellen

Tarjei Vesaas – Die Vögel

Charles Lewinsky – Der Halbbart

Nina Gladitz – Leni Riefenstahl: Karriere einer Täterin

100 Jahre Highsmith & Dürrenmatt: 2 Biografien

Bernhard Schlink – Abschiedsfarben

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