Hilmar Klute – Oberkampf.

Mit wunderbarer Sprache, zumeist grossartig geglückten Metaphern und einem der realen Welt etwas entrückten Protagonisten, packt der neue Roman von Hilmar Klute von der ersten bis zur letzten Seite: und zeichnet ein sehr starkes Stimmungsbild der Grande Nation und seiner Metropole Paris zur Zeit des Anschlags auf Charlie Hebdo…

Nach den Anschlägen auf die Redaktion ist nichts mehr wie es war. Eine Nation im Schockzustand. Dieses Gefühl fängt Klute ein und gleichzeitig zeigt er auch die andere Seite, das Leben und die Beweggründe der in den Banlieus lebenden Attentäter. Eine Zäsur, genau wie das Leben der Hauptfigur Jonas Becker, der einen Schlussstrich unter sein bisheriges Leben gezogen hat und in Paris neu anfängt oder einfach nur verdrängt. Irgendwann beginnt der Autor abzuschweifen und ergiesst sich seitenweise über Trennungstraurigkeit und Wohnungsauflösung, Beschreibungen einer letzten Silvesternacht in Berlin Kreuzburg und ja, wir haben es verstanden, wie belesen Hilmar Klute bzw. Jonas Becker offenbar ist, denn es folgt noch eine ellenlange Aufzählung, was der Protagonist in seinem Leben bereits alles gelesen hat. Und doch mag man all das und zwar genau so. Da sind ganz viele wunderbare Details in diesem Roman, jedes für sich eine schöne Momentaufnahme, aber doch manchmal zu weitschweifend in der eigentlichen Geschichte, die stark genug ist den Roman auszufüllen, die Tragik, die sich in einer kleinen Strasse mitten in Europa abspielt. Gleichzeitig sind es wirklich grosse Momente, in denen der Autor die Stimmung in Paris nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo einfängt, die verletzte Grande Nation in ihrer Trauer beschreibt.

Die letzte Beziehung beendet und den Job aufgegeben, zieht Jonas Becker nach Paris, um endlich seinen Traum vom Leben als freier Schriftsteller zu verwirklichen. Der Plan – ein Buch über den bohemienhaften Schriftsteller Richard Stein schreiben, während der Verlag die Miete für die kleine Wohnung in der Rue Oberkampf zahlt – scheint zu funktionieren: Die Tage verbringt Jonas mit dem von ihm verehrten Autor, nachts trifft er sich mit seiner neuen Freundin Christine in einer Bar nebenan. Doch mit dem Attentat auf Charlie Hebdo ist die schwebende Atmosphäre in Paris wie weggewischt, die Stadt ist plötzlich im Ausnahmezustand. Zudem reißt ein Brief seiner Ex-Freundin bei Jonas alte Wunden auf, und er erfährt vom plötzlichen Tod eines Freundes. Auch beim anfangs so unerschütterlich selbstgewiss wirkenden Stein zeigen sich Brüche – Jonas erfährt, dass Stein einen vom Vater entfremdeten Sohn hat, der in den USA verschollen ging und in eine Drogenkarriere abzustürzen droht. Als Stein ihn bittet, mit ihm in Amerika den Sohn zu suchen, sagt er zu. Und auch bei Christine muss Jonas sich entscheiden, wie ernst er es meint … (Galiani-Verlag Berlin)

„Oberkampf“ ist auch ein Roman über die Metropole Paris, über viele bekannte und weniger bekannte Orte und Sehenswürdigkeiten wie den Pere Lachaise und über die Liebe zur Literatur. Und es gibt trotz der Tragik auch sehr witzige Momente, wie etwa die eingeschobene Anekdote über einer Literaturvorlesung des grossen Hans Mayer in der Stadtbibliothek Duisburg. Irgendwann kommt dann natürlich der Moment, wo man als Leser ahnt, worauf diese Geschichte hinauslaufen wird und so kommt es dann auch tatsächlich. Das schockt ein wenig, ist irgendwie schade, aber auch sehr konsequent. Ein interessanter Roman, manchmal etwas überbordend, aber auf alle Fälle nachhaltig und empfehlenswert!

„Oberkampf“ von Hilmar Klute, 2020, Galiani-Verlag Berlin, ISBN: 978-3-86971-215-4 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Galiani-Verlag Berlin sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst.

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