Leïla Slimani – All das zu verlieren.

Nach dem zuletzt erschienen Roman „Dann schlaf auch Du“, wurde nun Leïla Slimanis 2014 erschienener Debütroman „All das zu verlieren“ aufgelegt, der sich sofort als spannender Text entpuppt, den man gar nicht beiseite legen möchte…

Klar ist mittlerweile: Leïla Slimani ist derzeit wohl eine der interessantesten Stimmen und Autorinnen Frankreichs, lang nicht so sensationsheischend wie der mit seinen platten Ergüssen absolut überbewertete Michel Houellbecq, dessen neuestes Werk ich gar nicht mehr zur Hand nehmen wollte. Umso toller liest sich nach „Dann schlaf auch Du“ nun auch ihr – endlich auf deutsch erschienenes – Erstlingswerk über die ausschweifende Sexsucht einer vom Leben gelangweilten Frau, unklar ob pathologisch oder nicht. Das ist auch eher nebensächlich. Viel faszinierender die gesellschaftliche Relevanz dieses Romans, dass eine Frau sich die Männer nimmt, wie sie es will. Das ist beeindruckend und stark und nachvollziehbar, dass vor allem chauvinistische Gesellschaften damit ein Problem haben. Die unverblümt klaren und deutlich ausgelebten sexuellen Wünsche der Protagonistin, die eher masochistisch veranlagt ist, werden relativ unemotional, fast schon mechanisch beschrieben, das degradiert die Männer zu Maschinen, zu reinen Objekten. Bisher kannte man derartige Obsessionen nur aus der Schreibe von männlichen Autoren. Gut so, legt Leïla Slimani nach.

Nach außen hin führt Adèle ein Leben, dem es an nichts fehlt. Sie arbeitet für eine Pariser Tageszeitung, ist unabhängig. Mit ihrem Ehemann, einem Chirurgen, und ihrem kleinen Sohn lebt sie in einem schicken Viertel, ganz in der Nähe von Montmartre. Sie reisen, sie fahren übers Wochenende ans Meer. Dennoch macht Adèle dieses Leben nicht glücklich. Gelangweilt eilt sie durch die grauen Straßen, trifft sich mit Männern, hat Sex mit Fremden. Sie weiß, dass ihr die Kontrolle entgleitet. Sie weiß, dass sie ihre Familie verlieren könnte. Trotzdem setzt sie alles aufs Spiel (Luchterhand Verlag).

Offen bleibt, woher diese Sexsucht, diese Besessenheit kommt, offen bleibt in gewisser Art und Weise auch, wie es am Ende damit weitergeht. Das ist auch gut so. Denn es geht nicht nur darum, die Geschichte dieser Frau zu erzählen, sondern um die gesellschaftliche Relevanz des Themas. Was bei Männern offensichtlich ganz ok ist, ist es eben auch heutzutage bei Frauen immer noch nicht. Das hallt lange nach. Und auch diese tiefempfundene Einsamkeit, in der sich diese Frau trotz vermeintlich harmonischer Ehe und (unbefriedigendem) Kinderglück  befindet. Nur Sex gibt Adèle (so heisst die Hauptfigur) – die vom biederen Alltag als Arztgattin eher gelangweilt ist – einen kurzfristigen Kick, mit sexueller Befreiung und/oder Emanzipation hat das aber nichts zu tun. Vielmehr verliert sie sich darin, verliert sich selbst, verliert sich in der Sucht. Keine Rettung in Sicht. Sehr zu empfehlen!

„All das zu verlieren“ von Leïla Slimani, Luchterhand Verlag,  2019, ISBN: 978-3-630-87553-8 (Werbung)

Dieser Blog-Beitrag ist ohne eine vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Verlag entstanden. Ich habe ein Rezensionsexemplar auf Anfrage kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich beim Verlag Luchterhand (Randomhouse) sehr herzlich bedanken möchte. Meine Meinung blieb davon in jeglicher Art und Weise unbeeinflusst. 

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