b.39 – Ballett am Rhein Düsseldorf 02.05.2019

Der neue dreigeteilte Ballettabend „b.39“ an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf zeigt eine immense Bandbreite tänzerischen Könnens und stilistisch sehr unterschiedliche Arbeiten von Choreographen aus drei Generationen – Ballettchef Martin Schläpfer fordert beim finalen Stück „44 Duos“ allerdings sehr viel von den Zuschauern…

Der Abend beginnt mit HANS VAN MANENs (*1932) sehr elegant-reduziertem Ballett „Dances with Piano“ von 2014, welches bei der Uraufführung mit dem „Het Nationale Ballet“ in Amsterdam noch von eine Harfe begleitet wurde und entsprechend „Dances with Harp“ hiess, dies jedoch von van Manen für Düsseldorf neu gedacht und von der Pianistin Schaghajegh Nosrati transkribiert und live gespielt wurde. Zu sehen sind 3 Paarbeziehungen, unterbrochen von Männer-Macho-Gehabe. Van Manen zeigt die Paare auf Augenhöhe, zeigt die Verletzlichkeit in Beziehungen, zeigt Nähe und Distanz unter anderem zur Musik von Bachs „Goldberg Variationen“ und einem Prélude von Hector Villa-Lobos. Für den Zuschauer vergeht die Zeit dieses ersten Balletts wie im Fluge, van Manens fast schon altersweise Choreografien haben etwas meditatives, beruhigendes, der Vorhang senkt sich zur ersten Pause schneller als erwartet. Ruhe. Im Anschluss dann eine komplett andere Ästhetik – mein Highlight des Abends!

Eine komplett neue Tanzsprache zeigt uns MARTIN CHAIX (*1980) mit seiner Arbeit  „Atmosphères“ (Uraufführung), seit der Entdeckung von Marco Goecke hat mich nichts mehr so begeistert! Wenn sich der Bühnennebel lichtet, bleibt ein verschwommenes Frauenportrait im Dunkel haften, dies ebenfalls eine fotografische Arbeit von Chaix (der ein Ex-Tänzer aus Schläpfers-Truppe ist….), das Ensemble in interessante und technisch wirkende Kostüme von ALEKSANDAR NOSHPAL gekleidet, hat etwas insektenhaftes.

chaix

Das dieses Stück ein sehr persönliches ist, merkt man als Zuschauer sofort, im Programmheft kann man nachlesen, dass der 20. Todestag seines Vaters ihn inspiriert hat und das Thema Abschied somit auch Assoziationen lieferte, die er dann im Stück aber auf eine allgemeingültige Ebene transferiert hat. So wie sich zu Beginn eine Gruppe einer alleinstehenden Frau nähert, so kommt es im Laufe des Stückes immer wieder zu Verschiebungen der Gruppe, zu Verschiebungen von Nähe und Distanz. Sehr interessante Bewegungsabläufe und das oft im Vordergrund stehende, fast schon nervöse Trippeln der Bourées auf den Spitzenschuhen machen diese Choreografie aus. Wundervoll als sanftes Zentrum eingebaut der langsame Mittelsatz von Beethovens Sonate Nr. 8 in c-Moll op. 13 – „Pathétique“ zwischen den fast schon im Raum schwebenden sphärischen Klängen von Krzysztof Pendereckis „Intermezzo“ als Opener und „Atmosphères“ von György Ligeti zu dem Martin Chaix selbst sagt:

Mein neues Ballett Atmosphéres ist nicht auf ein grosses Finale ausgerichtet, sondern entmaterialisiert sich am Ende zusammen mit György Ligets gleichnamiger Komposition.

Toll!!! Macht grosse Lust auf neue Arbeiten von diesem spannenden Choreografen! Als letztes Stück dann die Uraufführung „44 Duos“ von Ballettchef Martin Schläpfer (*1959). Zur Musik von Béla Bartóks 44 Duos Sz. 98 für 2 Violinen (gespielt von Catherine Ribes und Dragos Manza) hat Schläpfer einen bunten Reigen ländlichen Lebens choreografiert – humorvoll, aber sehr abstrakt und mit Kostümen und interessantem Schuhwerk ausgestattet, von dem man nicht weiss, ob das ein Konzept sein soll oder ob das Konzept darin besteht, eben kein Konzept zu haben. Das muss man mögen. Sehr schön das eher reduziert asiatisch wirkende dezente Setting, vor dem sich die einzelnen sehr kurz gehaltenen Sequenzen abspielen. Es sind wohl auch eher Skizzen und Ideen, die Schläpfer hierfür choreografiert hat, Momentaufnahmen, die nichts miteinander zu tun haben. Und so gibt es von grossen Ensembles bis hin zu intimen Soli eine grosse Bandbreite zu sehen. Das ist für eine gewisse Zeit sehr schön und inspirierend, doch nach bereits zwei vorhergehenden Stücken und Pausen ist man als Zuschauer nicht mehr so entspannt und die musikalisch eher eindimensionale Auswahl und Begleitung durch zwei Violinen strapaziert dann irgendwann das müde Nervenkostüm. Ab der Hälfte des gut einstündigen letzten Stückes beginnt das Verlassen und Türenschlagen von einigen Besuchern im Saal. Die vielen Verbliebenen spenden zum Schluss begeistert Beifall – wohlverdient: das Ensemble von Martin Schläpfer ist kraftvoll, präzise und zeigt bei den sehr unterschiedlichen Stilistiken dieses dreigeteilten Abends, dass sie zu Recht mehrfach als „Kompanie des Jahres“ ausgezeichnet wurden.

Zuletzt besuchte Ballett/Tanz-Vorstellungen:

„Don Quixote“ – The Royal Ballet London am 30.03.2019 (Carlos Acosta nach Petipa)

„Nijinski“ – Ballett Zürich am 17.03.2019 (Marco Goecke)

„Bella Figura“ – Ballett Zürich am 25.01.2019 (Jiří Kylián)

„Nussknacker und Mausekönig“ – Ballett Zürich am 01.01.2019 (Christian Spuck)

„Winterreise“ – Ballett Zürich am 02.12.2018 (Christian Spuck)

„Fashion Freak Show“ – Folies Bergère Paris am 17.11.2018 (Marion Motin)

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